Jahresbericht 1996

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 17. February 2011 07:36


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Jahresbericht 1996

für den Förderkreis zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche

in Rathenow e.V.

gehalten vom Vorsitzenden, Dr. Knackmuß, nach dem Zeltgottesdienst am Alten Hafen mit dem Ministerpräsidenten Dr. Manfred Stolpe am 13.07.1997 in Rathenow

Der Förderkreis zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche in Rathenow e.V. wurde am 15.September 1996 gegründet. Es hatte bereits zwei Versuche in dieser Richtung gegeben, die aber nicht zum Erfolg führten. Der Förderkreis will den Aufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche unterstützen. Auf der Gründungsversammlung wurde ein Jahresbeitrag von 100,-DM für jedes Mitglied beschlossen. Die meisten Mitglieder des Förderkreises sind Rathenower oder ehemalige Rathenower oder Menschen, denen der Wiederaufbau des historischen Bauwerks am Herzen liegt. Als prominente Mitglieder sind 1997 der Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Dr. Manfred Stolpe, und der Berliner Kabarettist, Wolfgang Gruner, dem Förderkreis beigetreten. Die Frage, ob sich das rechnet, bleibt in dieser Region mit über 20 % Arbeitslosigkeit nicht aus. Mancher sagt da: "So ein Wiederaufbau einer alten Kirche rechnet sich scheinbar nicht." Zunächst braucht der Mensch Wohlstand wie er die Gesundheit braucht. Aber braucht er immer größeren Wohlstand ? Wohlstand auf wessen Kosten, in welcher Kostenhöhe ? In unserem Wirtschaftssystem ist das Verdienen und der Gewinn die Hauptsache. Der Gewinn kann aber nicht ins Uferlose wachsen. Wir brauchen als Menschen auch ein Maß und Mäßigkeit. Was für die Betriebswirtschaft der Gewinn ist , ist für die Ethik die Mäßigkeit .
Wie bekommen wir die zwei gegensätzlichen Pole der Wirtschaft mit ihrem Gewinn und der Ethik als Grundtugend des Maßes zusammen?
Schauen wir in die Bibel, so ist da das Gebot von der Nächstenliebe also von der Mitmenschlichkeit und der Gottesliebe und vom Zusammentreffen beider die Rede. Aber wir treffen auch auf das 10. Gebot, wo vom Eigentum die Rede ist. Aber nicht so sehr von dem, was mir gehört, sondern mehr von dem, was dem anderen verbleiben soll. Und solange der Mensch sich selbst, die Mitmenschlichkeit, ohne die er nicht Mensch sein kann, und seinen echten Lebensanspruch mit seinen leeren Begierden verwechselt, muss seine Arbeit im Zeichen eines Kampfes stehen. In einem kapitalistischen System heißt dieser Kampf Konkurrenz und im sozialistischem System hieß und heißt er Klassenkampf.
Aber schauen wir noch auf ein anderes Gebot. Du sollst den Feiertag heiligen oder wie Martin Buber sagt: "Ein Tagsechst diene und mache all deine Arbeit, aber der siebte Tag ist: Feier Ihm, deinem Gott." Hier wird allen menschlichen Unternehmertum, allem Geschäft und aller Geschäftigkeit, jeder durchrationalisierten Produktivität und Umsatzstatistik, und dem nächsten Coup an der Börse eine radikale Grenze aufgezeigt.
Der 7. Tag ist der eigentliche Augenblick des Menschseins; die Zeit zu denken und zu danken. Wenn wir beides tun, beides in einem, wird uns plötzlich und überwältigend deutlich, dass Gott eine eigne Ökonomie hat, der wir nahe kommen, wenn wir verstehen, dass uns eigentlich nur gehört, was wir verschenken, dass wir, wenn wir haben können, auch teilen dürfen, und dass uns nichts so sehr erhebt in einer göttlichen, umfassenden Ökonomie, wie die Heiligung des Sonntags. Dieser Sonntagsfreude entspringt eine Regung, etwas zu tun, was sich scheinbar nicht rechnet, wie zum Beispiel den Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche hier in Rathenow.
Und da sind wir schon wieder bei den Finanzen. Natürlich sind die, auf dem Sockel des jährlichen Mitgliedsbeitrags, eingegangenen Spenden sehr unterschiedlich, gemäß den unterschiedlichen Möglichkeiten der Spender. Zu unseren Förderern gehören die Volksbank Rathenow und die Mittelbrandenburgische Sparkasse Potsdam. Die Mittelbrandenburgische Sparkasse gab dem Förderkreis 1996 eine Spende von 5000,- DM. Das Kuratoriumsmitglied des Förderkreises , der Landrat, Dr. Schröder, hatte sich dafür eingesetzt. Die Volksbank Rathenow hat heute einen Scheck von 15.000,- DM durch den Vorstandsvorsitzenden und Kuratoriumsmitglied Siegfried Mertin überreicht. Sehr erwünscht sind aber auch die Spenden der Unternehmer in Rathenow. Der positive Einstieg war schon am Gründungstag zu sehen, als der Bürgermeister der Stadt Rathenow, Hans-Jürgen Lünser, einen Scheck über 7220,05 DM überreichte. Diese Summe war bei der Eröffnung des Autohauses Ludwig in Rathenow durch Spenden zusammengekommen.
Beim Geschäftsjubiläum Dingler sind 1200,- DM und bei der Eröffnung des Architekturbüros Bleis 1360,- DM gespendet worden.
Bei vielen Geschäftseröffnungen hat es sich inzwischen eingebürgert, eine Spendenaktion zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche durchzuführen.
Aber wahrgenommen werden sollten auch jene, die gewissermaßen das "Scherflein der Witwe" beisteuern. Wir sind uns darüber einig, dass im Grunde jede Hilfe beim Aufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche eine relative und eine symbolische Bedeutung hat, und dass zuletzt nicht die Zahlen, sondern die Menschen und ihre Gesinnung im "Buche des Lebens" verzeichnet werden. Hier ist auch der Geschäftsführende Pfarrer, Hans-Dieter Kübler, zu nennen, der unermüdlich für den Aufbau der Kirche gearbeitet hat.
Auch die Ehrenbürgerin der Stadt Rathenow und Kuratoriumsmitglied , Erika Guthjahr, ließ es sich nicht nehmen, statt Blumen und Geschenke, um eine Spende anlässlich ihres 80. Geburtstages zu bitten. Der hölzerne Glockenturm, den Frau Guthjahr für ihre Geburtstagsspenden verwendet hat, steht inzwischen, technisch aufgerüstet, in der Gasstätte "Zum alten Hafen" in Rathenow. Wer Geld einwirft, kann ein Glockengeläut als "Dankeschön" hören. Herbert Bauer, ebenfalls ein Kuratoriumsmitglied, hatte die Idee dazu. Er wollte ein Hafenfest mit allerlei Gaudi für den Wiederaufbau der Kirche nutzen. Ein Zeltgottesdienst, wie wir ihn heute zum zweiten Mal erlebt haben, direkt am Hafen und gegenüber der Sankt-Marien-Andreas-Kirche sollte dabei ein Höhepunkt des Festes sein.

Ich möchte allen Vorstandsmitgliedern und den Mitgliedern des Kuratoriums heute für die geleistete Arbeit danken , besonders der Schatzmeisterin, Gisela Rosenberg. Erika Guthjahr, Axel Teckemeyer, Ralf Kuberski vom Fotohaus-Wilhelm und ich haben eine kleine Ausstellung in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche zusammengestellt, die heute der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll und dann als Wanderausstellungen in verschiedene Einrichtungen gehen wird.

Der Vorstand des Förderkreises beschloss , das 1996 eingegangene Geld in Höhe
von 30.000,00 DM für zwei Fenster des Chorraumes zu verwenden. Es sind sieben farbige, bleiverglaste Fenster für den Chorraum in Auftrag gegeben worden. Ein Fenster kostet 15.000,00 DM. Die Fertigstellung des Chorraumes mit Fenstern, Fußboden und Heizung sowie der Durchbruch zum Hauptschiff stellen den Schwerpunkt der Wiederaufbaumaßnahmen für 1997 dar.

Es konnte nicht vorausgesehen werden, dass sich der Förderkreis so gut entwickelt und von so vielen Menschen mitgetragen wird. Bis zum 30. Juni 1997 zählte er 82 Mitglieder und hatte ein Spendenaufkommen für 1997 23 000,00 DM zu verzeichnen.

Die Mitglieder des Aesculap-Clubs veranstalten 1997 einen Ärzteball, bei dem durch eine Tombola und eine Spende insgesamt 4430,00 DM für den Förderkreis einkamen.

Anläßlich des Geschäftsjubiläums der Firma Fürstenberg wurde von den Gratulanten 3.300,00 DM gespendet.

4000,00 DM kamen bei der Eröffnung der neuen Geschäftsstelle der ROHWER-Ingenieure als Spende auf das Konto.

Den vielen nicht genannten Spendern und Mitgliedern möchte ich im Namen des Vorstandes herzlich danken. Jede Mark hilft, dass Rathenow wieder eine schöne Atmosphäre bekommt und der Hauch einer bezaubernden Kleinstadt in der Mark Brandenburg, den es vor der Zerstörung hatte, wiederhergestellt wird. Die Sankt-Marien-Andreas-Kirche, das Wahrzeichen der Stadt Rathenow, wurde durch Beschuss 1945 fast völlig zerstört. Nur eine Ruine blieb nach dem Krieg erhalten. Am 6.9.1959 konnte das Schiff der Kirche notdürftig wiederhergestellt werden und steht seither für Gottesdienste zur Verfügung. Nichts ist so dauerhaft wie ein Provisorium. Die Sauerkohlplatten an der Decke des Kirchenschiffes feiern 1999 ihr 40jähriges Jubiläum.

Erst nach der Einheit Deutschlands war überhaupt an einen Wiederaufbau zu denken. 1995 wurde der Chorraum im Rohbau fertiggestellt. Aber es bleibt trotzdem noch viel Arbeit, bis das Gotteshaus in seiner alten, schönen Form neu erstrahlen kann. Gott hat uns 52 Jahre nach der Zerstörung der Kirche die Möglichkeit gegeben, den Wiederaufbau zu beginnen.Wir wollen ihm dafür heute danken, denn ohne ihn wären alle Aktivitäten zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche nichts nutze.

Als nächste Aufgaben sollen die Wiederherstellung des Turmes und die Rekonstruktion des Hauptschiffes mit den Kreuzgewölben angepackt werden. Viel Geld ist dazu nötig, aber das Wachsen und Gedeihen dieses Förderkreise macht mich hoffen, dass die Aufbauarbeiten rüstig fortgesetzt werden können.

Dr.Heinz-Walter Knackmuß
Vorsitzender des Förderkreises

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