Der Bismarckturm in Rathenow von Prof. Hans Müller

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 12. March 2015 17:35

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Hans Müller

 

Der Bismarckturm in Rathenow –


ein Gedenkturm

für den Märker Otto v. Bismarck,

ein Brandenburg-Turm für Rathenow

 

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Seit der Einweihung des Rathenower Bismarckturms vor nunmehr über hundert Jahren ist immer wieder einmal versucht worden, die gegenüber den vielen anderen Bismarcktürmen so ganz ungewohnte Gestaltung zu deuten. Bisher ist es nicht gelungen, eine überzeugende Erklärung zu finden. Der Autor hat sich deshalb eingehend mit den Berichten und Notizen befasst, die in der Zeit von 1909 bis 1914 in den lokalen Zeitungen Rathenows und anderen Quellen auffindbar sind und stellt die sich hieraus ergebenden Schlussfolgerungen dar.

Ein außergewöhnliches Bauwerk unter mehr als 200 Bismarcktürmen

Der Einfluss Otto von Bismarcks auf die Geschicke des deutschen Volkes ist bis in unsere Gegenwart hinein in vielfältiger Weise nachzuvollziehen. Ungeachtet auch mancher Kritik brandete schon zu seinen Lebzeiten eine Welle der Verehrung und Begeisterung für den ersten Kanzler des 1871 gegründeten Deutschen Reiches durch die deutschen Lande und darüber hinaus. Als ein außergewöhnliches Zeichen der Anerkennung seiner Leistung, besonders der von ihm vollbrachten Einigung Deutschlands, wurden bereits 1869 die ersten Bismarcktürme errichtet, denen im Lauf der Zeit weit mehr als zweihundert weitere folgten. Der 1914 eingeweihte Rathenower Bismarckturm nimmt in dieser Reihe eine herausragende Stellung ein, indem er sich mit seiner außergewöhnlichen, an die märkische Backsteingotik erinnernden Bauweise von allen anderen Türmen abhebt, die zum Gedenken an Bismarck erbaut wurden.

Man kann mancherlei Vermutungen anstellen, auf welche Ideen die Gestaltung dieses Bismarckturmes verweisen könnte, wie von Wanke ausführlich diskutiert worden ist. Wanke hat Merkmale beschrieben, die für die vielen erbauten Bismarcktürme typisch sind. Er stellt dann fest, dass der Rathenower Turm in einigen Eigenschaften mit dieser Typologie übereinstimmt, im Wesentlichen jedoch die konsequent neogotische Gestaltung das Gedenken an Bismarck auf eine Symbolik führt, die sich deutlich von dem abhebt, was von allen anderen Bismarcktürmen vermittelt werden sollte.

Ein Triumphbogen für Bismarck? Bismarck gar als anbetungswürdige Gestalt im Mittelpunkt einer Kathedrale? Bisher ließ sich nicht entscheiden, welche Ideen die Rathenower Erbauer verfolgt haben, denn gegenwärtig sind keinerlei originale Unterlagen bekannt oder zugänglich, mit denen die Entstehungsgeschichte dieses Bismarckturmes belegt werden könnte. Es verbleibt der Rückgriff auf Zeitungsberichte und -notizen, mit denen seinerzeit die Planungen und Diskussionen in Rathenow von der lokalen Presse verfolgt und kommentiert wurden. Bezug nehmend auf die noch einsehbaren Jahrgänge der damaligen Rathenower Tageszeitungen soll deshalb der Versuch unternommen werden, die ideologische Entstehungsgeschichte des Bismarckturmes in Rathenow zu rekonstruieren.

Bismarck und die Stadt Rathenow

Die Stadt Rathenow steht in einer besonderen Beziehung zu Otto v. Bismarck, die Bürger der Stadt haben deshalb einen besonderen Bismarckturm zu einem der Wahrzeichen ihrer Stadt gemacht. Wie ist es dazu gekommen, was sollte zum Ausdruck gebracht werden?

Die revolutionären Unruhen des Jahres 1848 überzeugten Bismarck, dass er sich zukünftig für den Bestand der preußischen Monarchie einsetzen müsse. Um politisch aktiv werden zu können, musste er sich in die zweite Kammer des Vereinigten Landtages wählen lassen.

Nachdem er als Nachrücker zum ersten Mal in der Zweiten Kammer auf sich aufmerksam machen konnte, verhalfen ihm 1849 vor allem die Stimmen der Rathenower Wahlmänner im Wahlkreis Westhavelland-Zauche-Brandenburg zu seinem ersten direkten Mandat. Auch seine Wiederwahl nach der raschen Auflösung der Zweiten Kammer hatte er ihnen zu danken, sie ermöglichten ihm damit den Einstieg in seine spätere grandiose Tätigkeit in der preußischen Regierung und schließlich des Deutschen Kaiserreiches. Bismarck wurde noch zwei weitere Male zum Abgeordneten gewählt, bis er im Hinblick auf die ihm vom König übertragenen besonderen Aufgaben auf die weitere Wiederwahl verzichtete.

1875 ernannte die Stadt Rathenow Bismarck zu ihrem Ehrenbürger. Von der Überreichung des Ehrenbürgerbriefes in Berlin wird berichtet, dass Bismarck diesen Akt sichtlich erfreut aufgenommen und neben anderem bemerkt habe, „ … er könne nicht leugnen, dass er … doch immer eine partikularistische Neigung für die treue Mark habe, dass die Mark Brandenburg stets treu und fest zu ihrem Regenten gestanden …, man es seiner Zeit in der Mark übel aufgenommen habe, dass bei Bildung eines Königreiches nicht der Name Brandenburg vor dem von einem polnischen Herzogtum hergenommenen Namen Preußen den Vorzug erhalten habe.“

Im Rückblick ist in dieser Äußerung Bismarcks der Kern der Idee zu erkennen, die schließlich zu der ausgeprägt märkischen Gestaltung des Rathenower Bismarckturmes führte.

Das Bismarck-Denkmal-Komitee von Rathenow

Der Tod Bismarcks im Jahr 1898 veranlassten den Arzt Dr. Heise und den Verleger Max Babenzien zur Gründung eines Bismarck-Denkmals-Komitees mit dem Ziel, die Errichtung eines Denkmals in Rathenow vorzuschlagen und zu planen.

Mit bedeutenden Mitteln konnte zunächst nicht gerechnet werden, weshalb an einen würdigen Gedenkstein aus märkischen Findlingen gedacht wurde. In den folgenden Jahren mangelte es auch an der unumgänglichen Förderung des Vorhabens. Dr. Heise und Max Babenzien blieben ihrem Vorhaben treu, sie mussten sich aber in Geduld üben, bis sich eine für ihr Vorhaben günstige Konstellation finden würde. Ihre Ausdauer sollte belohnt werden.

Der seit 1907 amtierende Erste Bürgermeister Lindner unterstützte die Denkmalspläne in vielfältiger Weise. Als im Jahr 1909 ein Havelländischer Heimatverein in Rathenow gegründet wurde, bezeichnete er in seiner Eröffnungsansprache den darauf folgenden Vortrag des Lehrers und Stadtarchivars Specht über „Bismarcks Beziehungen zu Rathenow“ als eine „historische Einleitung der Tätigkeit des neuen Vereins“ und legte der Gründungsversammlung eine Kopie des Ehrenbürgerbriefes für Bismarck vor. In den folgenden Monaten zeigte sich bald, dass Lindner eine darüber hinaus gehende Sicht verfolgte, mit der er die Verwurzelung Rathenows in der Geschichte der Mark Brandenburg seinen Bürgern zur Anschauung bringen wollte.

Es liegt nahe, dass er sich hierzu durch die Ernennung des Regierungs-Assessors von Bredow zum zunächst kommissarischen Landrat im Frühjahr 1909 ermutigt fühlte; der bald darauf zum neuen Leiter des Kreises Westhavelland bestellt wurde. Der Vorgänger v. Bredow's hatte an den Denkmalsplänen kein Interesse erkennen lassen; dagegen zeigte sich v. Bredow für dieses Vorhaben aufgeschlossen; er übernahm den Vorsitz in dem Bismarckdenkmals-Komitee.

Bald darauf im Mai 1909 wurde die Stadtbauratsstelle Rathenows vakant. Stadtbaurat Brugsch's Bewerbung auf eine in Spandau eingerichtete zweite Stadtbauratsstelle war erfolgreich. Er galt als tüchtig, war aber gerade erst reichlich ein Jahr in Rathenow tätig und hatte offensichtlich eine weitergehende Karriere im Sinn. In der Stadtverordnetenversammlung befürchtete man, dass es bei den begrenzten finanziellen Mitteln der Stadt schwer sein werde, tüchtige Beamte dauernd zu halten.

Unter den Bewerbern für das Amt befand sich aber ein Stadtbaurat Sprotte in Kolberg, der so überzeugend erschien, dass sich auf dessen Bewerbung sofort 29 von 30 abgegebenen Stimmen der Stadtverordneten vereinigten. Sprotte hat die in ihn gesetzten Erwartungen nicht enttäuscht; er war von 1909 bis zu seinem Tod im Jahr 1931 ununterbrochen als Stadtbaurat für Rathenow tätig. Sprotte schloss sich nach dem Eintritt in sein neues Amt in Rathenow unverzüglich dem Denkmalskomitee an und setzte als ideenreicher Fachmann die Diskussionsergebnisse in praktikable Entwürfe um.

Ein Bismarckturm als Zentrum eines neuen Stadtviertels

Vorerst fehlte es immer noch an den notwendigen Geldern. Anlässlich des „Bismarck-Kommerses“ am 1. April 1910 zum Gedenken an Bismarcks Geburtstag deutete sich nun die Gestalt eines „deus ex machina“ an, der dem Projekt Bismarckturm kräftigen Antrieb verlieh. „… aus kompetenter Quelle“ wird berichtet, dass ein „vermögender alter Rathenower“, der vorläufig noch nicht genannt sein wolle, angeboten hätte, den an den Kosten noch fehlenden Rest für die Errichtung eines Denkmals oder Turmes zu übernehmen.

In dem gleichen Bericht wird auch angedeutet „dass sich der höchste Punkt Rathenows, der Weinberg, am besten für ein Bismarck-Denkmal eignet, und es wird deshalb auch wahrscheinlich der Wunsch vieler Rathenower, dort einen Bismarck-Turm erstehen zu sehen, in Erfüllung gehen.“

Wenige Tage später wurde in der Rathenower Zeitung offenbart, dass es sich bei dem auswärtigen Gönner um Kommerzienrat Görz aus Berlin handelte, der sich mit dem Denkmals-Komitee dahin gehend verständigt hätte, dass er die Kosten für ein Standbild übernehmen wollte, während die Einwohner Rathenows oder des Kreises Westhavelland für die Kosten des Unterbaus oder eines Turmes aufkommen müssten. Aus dieser Vereinbarung wurde geschlussfolgert, dass wegen der hohen Kosten die Errichtung eines Aussichtsturmes nicht möglich sei und – da Görz angeblich eine baldige Einweihung des Denkmals erwarte – nur die Aufstellung des Denkmals auf „einem Platz in unserer Stadt“ in Frage käme.

Hieraus entwickelte sich in Rathenow eine kontroverse Diskussion. Das Anerbieten von Görz hatte das Denkmals-Komitee offensichtlich herausgefordert. Ein Bismarck-Denkmal in der Stadt und gleichzeitig ein Bismarckturm auf dem Weinberg waren schlechterdings nicht vorstellbar. Dr. Heise – Max Babenzien war inzwischen verstorben, Lindner mit seinem neuen Stadtbaurat Sprotte und mit Unterstützung durch v. Bredow hielten unbeirrt an ihren Plänen fest.

Lindner hatte dem Stadtbaurat umgehend die Planung eines neuen Gartenviertels auf dem Weinberg übertragen. Wie sich bald herausstellte, sollte sich dieses Viertel um die mit einem Bismarckturm bekrönte Kuppe des Weinbergs herum gruppieren, der Turm sollte gleichzeitig auch als Aussichtsturm zu besteigen sein.

Der hierauf von Sprotte vorgelegte Bebauungsplan für den Weinberg wurde im September 1911 von einer Regierungskommission aus Potsdam einstimmig gebilligt.

clip_image001Bild 1: Bebauungsplan für den Weinberg mit dem Bismarckturm im Zentrum
(Ausschnitt), endgültig bestätigte Fassung von 1915
(Landkreis Havelland, Kreis- und Verwaltungsarchiv)

Am 31. Dezember 1911 wurde dieser Bebauungsplan für den Weinberg mit Bismarckturm und Gartenviertel ebenso einstimmig von der Stadtverordnetenversammlung Rathenows angenommen. Seitdem gab es keinen Zweifel mehr, dass es einen Bismarckturm auf dem Weinberg geben würde, wenn auch noch manche Hindernisse und Verzögerungen zu überwinden waren. Die Kosten für einen besteigbaren Bismarckturm überstiegen vorläufig noch deutlich die verfügbaren Mittel.

Märkischer Backsteinbau: Verweis auf die Mark Brandenburg

Schon vorher, am 12. April 1911, erschien in der Rathenower Zeitung ein „Aufruf an alle Einwohner und Freunde des Westhavellandes“, in dem veröffentlicht wurde, dass die Errichtung eines Turmes als Ehrendenkmal für Otto von Bismarck auf dem Weinberg geplant sei. Weiter wurde erklärt, dass ein Entwurf vorhanden sei, der „in pietätvoller Weise an die kunstvollen Bauformen des märkischen Backsteinbaues, insbesondere an Tangermünder Motive anknüpft“. Sprotte hatte gearbeitet. Mit diesem Aufruf warb der „Bismarck-Denkmal-Ausschuss“ um die Einendung von Spenden.

clip_image003Bild 2: Spendenaufruf in der Rathenower Zeitung
Nr. 87 (2. Blatt) vom 12.04.1911

Mit der Anknüpfung „an die kunstvollen Bauformen des märkischen Backsteinbaues, insbesondere an Tangermünder Motive“ wird ein besondere Sichtweise für die Gestaltung des Bismarckturmes offenbart, die bereits einige Tage zuvor auf dem Bismarck-Kommers des Jahres 1911 anklang. Zu Gast war der Reichstagsabgeordnete Prof. Dr. Görcke, der über den von ihm vertretenen Kreis Westhavelland sagte „... dies ist der Kern, aus dem einst die Mark Brandenburg, Preußen und zuletzt Deutschland entstanden ist“. Mit „Deutschland“ war das 1871 durch Bismarcks Wirken gegründete Deutsche Reich gemeint, in dem Preußen eine dominierende Rolle zugefallen war, dessen Wurzeln seinerseits auf die viel ältere Mark Brandenburg zurückgingen. Görcke hat sich vermutlich auf einen Ausspruch Bismarcks bezogen, der 1894 in Stendal selbst gesagt hatte: „Von diesem flachen Land hier, von der altmärkischen Heimat, die ja auch die meinige ist, ist die Kraft und der Anstoß zur Bildung des kurbrandenburgischen Staates und Preußens und schließlich zur Wiedergeburt des Deutschen Reiches ausgegangen“.

Man muss daran erinnern, dass Rathenow zu dieser Zeit die Kreishauptstadt war, so dass man die Stadt Rathenow als eine Repräsentantin dieses Kernes verstehen durfte. Und eben auch gerade in dieser Landschaft, in unmittelbarer Nähe Rathenows, hat das Geschlecht der Bismarcks in der Altmark seine Wurzeln. Seit 1562 residierten sie sogar infolge einer Willkür des Kurprinzen östlich der Elbe in Schönhausen, fast in Sichtweite von Rathenow.

Bismarck ist ein Märker! Wir Rathenower sind Märker! Wir sind Kinder der vielhundertjährigen Geschichte der Mark Brandenburg – und Otto von Bismarck ist einer von uns! Wir sind die Mark Brandenburg – das sollte die Botschaft des Bismarckturms werden.

Bismarck als Idol: Kritik an Kaiser Wilhelm II.

In den folgenden Monaten verzeichnet die Rathenower Zeitung penibel den Eingang von Geldspenden, auch die Namen der Spender kleinster Beträge werden namentlich aufgeführt

Bei allen möglichen Gelegenheiten wurde nun der Geist Bismarcks beschworen, so z. B. wörtlich zu Bismarcks Todestag in einem Leitartikel der Rathenower Zeitung am 29. Juli 1911: „Bismarcks Geist wünscht das ganze deutsche Volk herbei in dem internationalen Wirrwarr der Gegenwart ...Und je drohender die Wolken am politischen Horizont hangen, umso mehr soll Bismarcks Geist die deutschen Staatsmänner, Politiker und jeden deutschen Bürger leiten ...“.

In solcher Weise äußerte sich die kritische Haltung der Bürger einer Stadt, die ihre Angelegenheiten in eigener Verantwortung verwalteten. Die oftmals schwer verständlichen politischen Aktionen Kaiser Wilhelms II. waren vielen Deutschen nicht recht geheuer, das ist auch aus der Rathenower Zeitung jener Tage trotz aller pflichtgemäßen Treuebekundungen gegenüber dem Kaiser immer wieder zu erkennen. Der Rücktritt des Kanzlers von Bülow im Juli 1909 überhöhte die Sehnsucht nach einer vertrauenswürdigen Leitung des Staates, man konnte sich nur einen Übermenschen von der Statur Bismarcks als dieser Aufgabe gewachsen vorstellen – das war weithin die Meinung. Vergessen war, dass Bismarck in seiner Regierungszeit selbst mitunter erhebliche Probleme mit der öffentlichen Meinung gehabt hatte. Ernsthafte Konfrontationen mit anderen Staaten, die zu weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen hätten führen können, hatte Bismarck als Reichskanzler jedenfalls souverän vermieden.

Diese Stimmungslage gab auch in Rathenow immer wieder Anlass, auf Bismarck und damit das Projekt des Bismarckturmes zu sprechen zu kommen. Schon im Festvortrag zum Bismarck-Kommers am 1. April 1910 sagte Amtsgerichtsrat Dr. Paterna in seinem Festvortrag „Bismarcks unfreiwilliger Rücktritt im Jahre 1890 sei für Deutschland ein schwerer Schlag gewesen ...“.

In einem Kommentar zum Wahlergebnis vom 12. Januar 1912 hieß es „… dass der Mangel weitsichtiger Besonnenheit, der die Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. auszeichnet, wenig volkserzieherische Wirkung gezeigt hat …“.

Anlässlich der Grundsteinlegung für den Bismarckturm zu Bismarcks Geburtstag am 1. April 1913 wurde schließlich gefragt „Was würde Bismarck, wenn er noch unter uns weilte, jetzt tun?“

Landrat von Bredow zitierte bei dieser Gelegenheit den von Bismarck selbst gewählten Grabspruch „Hier ruht ein treuer deutscher Diener seines Kaisers Wilhelm I.“ – eigentlich ein Affront gegen Wilhelm II., dem Bismarck schließlich auch gedient hatte. Von Bredow deutete diesen Spruch zwar dahin gehend „… dass auch wir treue Diener sein sollen unseres Kaisers, …“, doch in der in der Zeitung veröffentlichten Beschreibung des Denkmals heißt es: „Das Bronzestandbild wird … auf einem … Hünengrab aufgestellt werden, da der Gedanke an das Auferstehen des Hünen und des Deutschen Reiches nahe liegt“.

Die Postierung des Bismarck- Standbildes in der Kostümierung eines preußischen Militärs auf einigen rohen Felsbrocken als Symbolisierung eines „Hünengrabes“ erscheint heute als anachronistisch.

Bismarck musste zwar häufig in militärischer Uniform auftreten, weil etwas anderes für einen Junker in hoher Position am hohenzollerschen Hof kaum vorstellbar war. Tatsächlich realisierte er seine politischen Ideen aber durchweg mit juristischen Methoden – er war Jurist. Mit der mythifizierenden Germanentümelei, die im Lauf des 19. Jahrhunderts in Preußen in Mode kam, wurde seine Gestalt zu einem Idol stilisiert, das einen befreienden Weg durch die sich zusammenbrauenden politischen Wirren hätte weisen können. Letzten Endes war diese Vorstellung nichts anderes als eine Kritik an der kaiserlichen Staatsführung.

In Rathenow war man sich dessen wohl bewusst. Die Errichtung eines Bismarckdenkmals erschien erst vertretbar, nach dem vor dem Kreishaus ein Denkmal Kaiser Wilhelm I. enthüllt worden war.

Entwurf des Baustadtrats Sprotte für einen Bismarckturm

In der Gestaltung des Bauwerkes selbst kommt diese damalige Stimmung nicht zum Ausdruck, sondern sie verweist auf das Jahrhunderte lange geschichtliche Bestehen der Mark Brandenburg.

Am 30.04.1912 erschien ein Beitrag in der Rathenower Zeitung, in dem nun energisch festgestellt wurde, dass „fast alle bisherigen Spender“ zur Bedingung gemacht hätten, dass die Aufstellung eines Bismarckdenkmals mit dem Bau eines Aussichtsturmes auf dem Weinberg verbunden sein müsse. Noch gab es offenbar Meinungsverschiedenheiten. Weiter heißt es: „Dann hoffen wir, zu allseitiger Befriedigung der Bürgerschaft etwas schaffen zu können, was Rathenow zur Ehre, uns selber und Kind und Kindeskind noch zu wahrer Freude gereichen wird: hinauszublicken ins schöne, liebe Havelland mit ihm, dem großen und treuesten Sohn der Mark.“ („mit ihm“ im Original gesperrt gesetzt).

Nachdem die Stadtverordnetenversammlung den Bebauungsplan für den Weinberg angenommen hatte, sollte in einer Versammlung am 21. Mai 1912 der Bürgerschaft Gelegenheit zu Meinungsäußerungen gegeben werden. Obwohl die Versammlung bei weitem nicht so gut besucht war, wie man sich erhofft hatte, kann sie als Abschluss der Vorgeschichte des Bismarckturms gelten. In einer schließlich angenommenen Resolution wird formuliert „Die … öffentliche Bürgerversammlung … beschließt, dass das … gestiftete Denkmal … seinen Stand auf dem Weinberg erhält, und dass hiermit ein Aussichtsturm verbunden wird. Die Versammlung … erwartet, dass ein Entwurf des Herrn Stadtbaurats Sprotte … zur Ausführung gelangt.“ Dieses Votum ist bis zur Einweihung des Bismarckturms öffentlich nicht mehr infrage gestellt worden.

Historische Begründung für den Entwurf

Sprotte hat der Versammlung seinen Entwurf erläutert, der von dem Denkmalskomitee aus verschiedenen von ihm angefertigten Skizzen ausgewählt worden war. Er betonte dabei, dass er sich nicht zur Anfertigung von Skizzen gedrängt habe, sondern dass ihm diese vom Denkmals-Komitee angetragen worden sei. Da er mit einer begrenzten Bausumme zu rechnen hatte, habe er von einem regulären Turmbau absehen müssen „und sei deshalb zu einem Hallenbau gekommen. Dieser solle im Stil an die Zeit des Mittelalters erinnern, in der sich das Havelland mit der angrenzenden Altmark in der Blüte befand, und er soll im Backsteinbau ausgeführt werden.“

Die „Blüte des Havellandes und der Altmark“ wurde durch Albrecht den Bären (etwa 1100 bis 1170) begründet, dem es mit diplomatischem Geschick gelang, die Brandenburg und damit die Herrschaft über das Heveller-Fürstentum nach dem Tod des Hevellerfürsten Pribislaw rechtmäßig zu erben. Die Brandenburg wurde ihm zwar noch einmal entrissen, doch 1157 konnte er sie schließlich endgültig in Besitz nehmen; seitdem nannte er sich „Markgraf von Brandenburg“. Auf diesen Zeitpunkt kann die Entstehung eines neuen deutschen Fürstentums – der Mark Brandenburg – datiert werden.

Unter der askanischen Oberherrschaft wurde das Gebiet der Mark erweitert und es entstanden viele Städte, womit im zwölften und dreizehnten Jahrhundert eine rege Bautätigkeit in der Mark einsetzte. Diese Jahrhunderte waren die Zeit der Gotik und natürlich wollte man damals auch in der Mark modern und zeitgemäß bauen. Da es in der Mark kaum Fundstellen für geeignetes steinernes Baumaterial gab, entstand so für repräsentative Bauten die märkische mittelalterliche Backsteingotik.

1320 gab es keinen weiteren askanischen Erben. Die Mark Brandenburg wurde von Kaiser Ludwig IV. (der Bayer) als Lehen an seinen Sohn, also die Wittelsbacher vergeben.

1373 erwarb Kaiser Karl IV. die Mark Brandenburg von den Wittelsbachern. Er hatte zur Stärkung seiner Hausmacht schon seit längerem seine Aufmerksamkeit auf die an die Lausitz anschließende Mark gerichtet. Nach langen diplomatischen und auch kriegerischen Vorbereitungen erlangte er nun ihren Besitz und ließ seiner neuen Besitzung unverzüglich besondere Sorgfalt angedeihen. Um in der Mark präsent sein zu können, erhob er die Burg in Tangermünde zu seiner nördlichen Residenz.

Schon im 12. Jahrhundert hatte Albrecht der Bär Tangermünde als eine der Burgen in seinem Herrschaftsgebiet bezeichnet. Durch Karl IV. erhielten die Burg und damit auch die Stadt eine ganz herausragende Bedeutung. Von hier aus trieb Karl die Entwicklung der Mark voran.

Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts war Tangermünde weiterhin eine Residenz der brandenburgischen Markgrafen und Kurfürsten, die von hier aus ihr Reich regierten. Erst durch die Verlegung der Residenz nach Berlin verlor Tangermünde an Bedeutung.

Die Altmark war bis 1807 Bestandteil der Mark Brandenburg. Tangermünde ist also eine ursprünglich märkische Stadt, die in den ersten Jahrhunderten für die Entstehung und Entwicklung der Mark Brandenburg eine besondere Bedeutung hatte, womit der Hinweis auf die Anknüpfung „insbesondere an Tangermünder Motive“ erhellt wird. Der Verweis auf Tangermünde ist ein Verweis auf den Ursprung und das Aufblühen der Mark Brandenburg.

Die Zeit der Herrschaft der Askanier und dann wieder das leider nur kurze Wirken Karls IV. – er starb 1378 – waren Zeiten des Aufschwungs für die Mark Brandenburg. Das ist die Zeit, in der sich „das Havelland mit der angrenzenden Altmark in der Blüte befand“. Allein zahlreiche Vergrößerungen von Kirchenbauten, so auch der Umbau der St.-Marien-und-Andreas-Kirche in Rathenow, zeugen von einer Epoche der Erneuerung, in der die heute noch charakteristische Form vieler norddeutscher Kirchen entstanden ist. Auf die auch in profanen Bauten erkennbare Formensprache der Backsteingotik sollte der zu errichtende Bismarckturm hinweisen.

Grundsteinlegung zum Geburtstag Bismarcks am 1. April 1913

Zur Grundsteinlegung am 1. April 1913 wurden erstmals Einzelheiten der Gestaltung des geplanten Bauwerkes bekannt. Sprotte hatte mit seinem Entwurf den Versuch unternommen, verschiedene Aspekte in einem Gesamtwerk zu vereinen: Der Turm sollte im Zentrum eines konzentrisch darum herum angelegten Straßensystems stehen und ebenso zentral sollte die vier Meter hohe Denkmalsstatue wie ein frei stehendes Denkmal aus allen Richtungen erkennbar sein. Das Turmgebäude sollte den alljährlichen Bismarck-Gedenkfeiern am 1. April genügen, zu denen es üblich geworden war, große Freudenfeuer zu entzünden und schließlich sollte der Turm als Aussichtsturm zu besteigen sein.

Je mehr man sich der Einweihung des Bismarckturmes näherte, umso mehr wurde Bismarck als ein Märker, als „größter Sohn der Mark“ herausgestellt, wie es in einem Zeitungsbericht vom 24. März 1914 zum Baufortschritt des Turmes heißt.

Zum 1. April 1914 wurde zur Feier des 99. Geburtstages „unseres engeren Landsmanns Otto von Bismarck“ eingeladen.

Pastor Kessler aus Haage schilderte in seiner Festrede zum Bismarck-Kommers, der alljährlich zum Gedenken des Geburtstages Bismarcks zelebriert wurde, den Aufstieg der Hohenzollern, beginnend „in unserer märkischen Tiefebene“, kam dabei auch auf Dietrich von Quitzow zu sprechen , den er allerdings nicht als Raubritter, sondern als Beispiel märkischen Trotzes darstellte, dem er „die märkische Kraft und die märkische Treue Bismarcks gegenüberstellte, das Beste, das Größte, was die Mark je hervorgebracht habe.“

Schließlich hieß es in der Vorankündigung zur Einweihung „… das Bismarck-Denkmal auf dem Weinberg, dass die Stadt Rathenow und der Kreis Westhavelland ihrem großen Landsmann zum dauernden Gedächtnis errichtet haben …“.

Unüberhörbar war der Stolz „... dies ist der Kern, aus dem einst die Mark Brandenburg, Preußen und zuletzt Deutschland entstanden ist“, wie es der Abgeordnete Görcke ausgedrückt hatte. Der Erste Bürgermeister Lindner bezeichnete den Turm in seiner Rede zur Einweihung als eine „Porta Marchia“, als eine Eingangspforte für alle Freunde der Mark, die von Westen her märkischen Boden betreten.

Mittelalterliche Backsteingotik mit „Tangermünder Motiven“

Tatsächlich präsentiert sich der Turm in einer unmittelbar an die mittelalterliche Backsteingotik erinnernden Gestaltung. Der Grundriss ist von einem gleichseitigen Achteck abgeleitet, das als Darstellung von Orten mit zentraler Bedeutung in Bauten des Mittelalters häufig anzutreffen ist. Sprotte hat drei Seiten zu einer Seite zusammengefasst, um das zur Altstadt gerichtete eindrucksvolle Hauptportal zu gewinnen. Um den Turm als Aussichtsturm nutzbar machen zu können setzte er an diese beiden Eckpunkte zwei Treppentürme, die in ihrer schlichten Ausführung auf ebenfalls je achteckigem Grundriss unmittelbar den Vorbildern an Kirchen aus dem 13. und 14. Jahrhundert entsprechen, wie z. B. in nahezu identischer Gestaltung an dem Münster in Bad Doberan. In den verbleibenden vier Eckpunkten des zentralen Achtecks sind Pfeiler angeordnet, die eine überdachende Kuppel tragen. Die Kuppel stützt sich über Segmentbögen auf den Pfeilern ab, womit weite lichte Öffnungen entstehen, durch die die unter der Kuppel aufgestellte Statue aus jeder Richtung zum zentralen Blickpunkt des Baus werden konnte.

clip_image005Bild 3: Einweihung des Bismarckturmes am 24. Juni 1914
(Archiv Nickel)

clip_image006Bild 4: Einer der Treppentürme am Münster in Bad Doberan
(Aufnahme Verfasser 2009)

Das Hauptportal ist auf die Altstadt mit der Kirche St.-Marien-und Andreas ausgerichtet und verweist damit auf den mittelalterlichen Ursprung der Stadt Rathenow. Die im Mittelpunkt der Halle postierte Bismarckstatue blickte ebenso auf die Altstadt, dem Ort, dem Bismarck seine erste Wahl zum Abgeordneten verdankte.

Ein Treppengiebel betont das Portal, der zusammen mit den flankierenden Treppentürmen einen Eindruck von in sich ruhendem Stolz vermittelt. Der Segmentbogen des Hauptportals wird von einem gotischen Spitzbogen überfangen, in dem in einem schräg gestellten Wappenschild das Wappen der Bismarcks gezeigt wird. Die Proportionen entsprechen originalen Darstellungen, wie sie sowohl am Rathaus wie auch an der älteren „Alten Kanzlei“ in Tangermünde zu sehen sind. Ronden und schräg stehende Wappenschilde sind typische Embleme der Backsteingotik.

Die Aussicht in das Havelland erlaubt eine mit einer Balustrade gesicherte Galerie in der Traufhöhe des Daches. Allerdings verwehrt der Giebel den Blick auf die Altstadt. Diese Sicht war ursprünglich nur aus den Fenstern des Turmzimmers möglich.

clip_image008Bild 5: Tangermünder Motive:
Rathaus von Tangermünde, im Vordergrund die Gerichtslaube
(Aufnahme Verfasser 2007)

Den Stufen des Giebels sind Spitzbögen zugeordnet, die aber durch mit Segmentbögen flankierte Kreisornamente aufgelockert sind. Dieses Backsteinmuster zieht sich um den ganzen Turm herum. Ähnliche Ornamente sind an vielen mittelalterlichen Bauten zu finden, so z. B. auch an den Giebeln der St.-Stephans-Kirche in Tangermünde. Die Kreisornamente des Bismarckturms gehen in ihrer besonderen Gestaltung vermutlich auf einen eigenen Entwurf Sprottes zurück.

clip_image010Bild 6: Tangermünder Motive: “Alte Kanzlei“ der ehemaligen Burg
(Aufnahme Verfasser 2012)

clip_image012Bild 7: Ornament auf den Seitenflächen des Bismarckturmes
(Aufnahme Verfasser 2007)

clip_image014Bild 8: Ornamente am Turm der
St. Stephanskirche in Tangermünde
(Aufnahme Verfasser 2007)

Die Kuppel der Halle zeigt innen ein Sterngewölbe in der Form des Johanniterkreuzes, dem in Richtung auf das Hauptportal wegen des auf dieser Seite reduzierten Achtecks ein Kreuzbalken fehlt; die typische Form des Johanniterkreuzes ist dessen ungeachtet deutlich zu erkennen.

clip_image016Bild 9: Sterngewölbe in der Kuppel des Bismarckturmes
(Aufnahme Verfasser 2009)

Albrecht der Bär hatte die Johanniter wie auch die Malteser in die Mark gerufen, was durch eine in Brandenburg aufbewahrte Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1160 belegt wird. Bismarck selbst schloss sich den Johannitern an, nachdem der Orden im Jahr 1852 wieder zugelassen worden war. 1868 wurde er zum Ehrenkommendator des Ordens ernannt. In der Rathenower Zeitung war 1909 zu lesen, dass auch ein Freiherr v. Bredow zum Ehrenritter der Johanniter ernannt wurde.

Die das Sterngewölbe stützenden Konsolsteine zeigen abwechselnd das Wappen der Bismarcks und das Wappen der Stadt Rathenow – insgesamt eine Symbolik, mit der auf den gemeinsamen Ursprung der Bismarcks und der Stadt Rathenow in der Geschichte der Mark Brandenburg verwiesen wird.

clip_image018Bild 10: Rippenkonsolstein am
Sterngewölbe im Bismarckturm
mit Wappen der Stadt Rathenow
(Aufnahme Verfasser 2009)

clip_image020Bild 11: Rippenkonsolstein am
Sterngewölbe im Bismarckturm mit Wappen der Bismarcks
(Aufnahme Verfasser 2009)

Zwei Zeitgenossen Albrechts des Bären, die in die Dienste der Hohenzollern getreten waren, flankierten die zur Säulenhalle hinauf führende Treppe – zwei Bären, die Wappenschilde mit dem Preußischen Adler hielten. Die aus Ton vom Havelstrand gebrannten Figuren sowie das Schild mit dem Bismarckschen Wappen im Giebel hatte der Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung, der Ziegeleibesitzer Heidepriem gestiftet. Er hatte auch 1909 zur Amtseinführung des Stadtbaurates Sprotte die Begrüßungsrede gehalten.

clip_image022Bild 12: Aufgang zum Denkmal mit Bärenfiguren auf
den Treppenpodesten (Postkarte, Archiv Nickel)

Altes kaiserliches Siegel:
Symbol für Reichsgründung
– das Lebenswerk des Altreichskanzlers

Die Gründung des Deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 in Versailles und seine Ausgestaltung als ein fest gefügtes Staatsgebilde war die überragende Leistung Bismarcks. Dieses neue Deutsche Reich war an die Stelle des 1806 aufgelösten „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ getreten.

Hierauf nimmt die Frontalansicht des Rathenower Bismarckturmes Bezug: Ein dominierender Giebel, der von zwei schlanken Seitentürmen flankiert wird. Eine ganze Reihe deutscher Kaiser verwandten dieses architektonische Motiv über Jahrhunderte hinweg auf der Rückseite ihrer Siegel[. Auch bei zahlreichen Urkunden von Kaiser Karl IV., der sich für die Entwicklung der Mark Brandenburg besonders hervortat, ist das Bild zu finden: Ein von zwei schlanken Türmen eingefasster dominierender Giebel über einem Torbogen. In diesem Torbogen stehen die Worte „AUREA ROMA“, „Goldenes Rom“.

clip_image024Bild 13: Kaisersiegel von Karl IV., Vorder- und Rückseite
(Bleigusskopie im Besitz der Städtischen Museen Tangermünde)

Mit dieser Symbolik zeigten die deutschen Kaiser, dass Ihnen die kaiserliche Würde vom Vertreter Gottes auf Erden, dem Papst in Rom, mit der Krönung in Rom verliehen worden war.

Der deutsche Kaiser erhielt 1871 seine Würde jedoch nicht aus Rom, sondern durch die Zustimmung der Könige und Fürsten Deutschlands. Als Initiator und Organisator dieses Zustimmungsaktes hat Sprotte die Gestalt des Märkers Bismarck an Stelle von „AUREA ROMA“ in den Torbogen des Bismarckturms gestellt, er war der Einiger und Begründer des neuen deutschen Kaiserreiches.

Sprotte hat das alte kaiserliche Motiv ganz und gar in Stilelemente der märkischen Backsteingotik gekleidet.

Das Gesamtbild dieses besonderen Bismarckturmes lässt sich in überzeugender Weise als eine Zusammenschau der geschichtlichen Bedeutung Otto v. Bismarcks und der Geschichte der Mark Brandenburg deuten, aus der auch das Geschlecht der Bismarcks hervor gegangen ist.

Der Bismarckturm:
Ein Wahrzeichen der Stadt Rathenow

Die Entstehung des Turmes selbst ist ein Gemeinschaftswerk, an dem alle Schichten der Bevölkerung der Stadt Rathenow und des Kreises Westhavelland mitgewirkt haben. Beginnend mit den Leistungen des Architekten und des Bauleiters, die Sprotte unentgeltlich beisteuerte, gingen seit dem ersten Aufruf vom 12. April 1911 bis zur Einweihung am 24. Juni 1914 zahllose kleinere und größere Einzelspenden ein und lang ist die Liste der Handwerker und Firmen, die mit Sachspenden und kostenlosen Leistungen beigetragen haben. Insgesamt wurden die Baukosten mit rd. 30.000 Mark angegeben. Goerz hat für das von ihm gestiftete Bismarck-Standbild noch einmal ungefähr den gleichen Betrag aufgebracht.

Für Rathenow war es einer der merkwürdigen Zufälle, die die Geschichte immer wieder bereit hält, dass der Bismarckturm gerade wenige Tage vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges vollendet werden konnte; in den folgenden Jahren wäre das wohl kaum noch zu erwarten gewesen.

clip_image026Bild 14: Vignette der Rathenower Zeitung von 1928 mit den Wahrzeichen der Stadt

clip_image028Bild 15: Vignette der Zeitung „Der Havelländer“ von 1932 mit den Wahrzeichen
der Stadt

Als „Bismarckturm“ wurde das Bauwerk fortan zu einem Wahrzeichen der Stadt Rathenow.

Ende des zweiten Weltkrieges:
Der Bismarckturm bleibt als Ruine bestehen

Das Ende des Zweiten Weltkrieges, das die bauliche Substanz der Stadt durch furchtbare Zerstörungen fast unkenntlich gemacht hatte, traf auch den Bismarckturm. Er war zum Ziel einer Artilleriebeschießung geworden, als der Krieg fast endlich schon am Ende war und musste mehrere Treffer hinnehmen, durch die er erheblich beschädigt wurde. Die Umstände hatten es aber mit sich gebracht, dass sich der Turm mit seiner durch die soliden Treppentürme geschützten Frontseite der Beschießung entgegengestellt hatte, so dass ihn auch mehrere Treffer nicht ins Wanken brachten. Er wurde zwar erheblich beschädigt, blieb aber doch in seiner charakteristischen Form erhalten, er stand noch, war noch als das Rathenower Wahrzeichen erkennbar.

Würde er weiterhin ein „dauerndes Gedächtnis“ für die deutsche Einheit sein können oder war es ihm nun bestimmt, auch ein Sinnbild für die Zerschlagung und Zerstörung des Deutschen Reiches sein zu müssen?

clip_image030Bild 16. Zustand des Bismarckturmes nach dem Ende des
Zweiten Weltkrieges (Sammlung W. Müller)

In der Nachkriegszeit war es zunächst kaum möglich, sich um die Wiederherstellung kulturhistorischer Bauten zu bemühen. Abgesehen davon, dass es jahrelang an den notwendigen Mitteln fehlte, unterlag der Gedanke an die Reparatur des Bismarckturms ideologischen Vorbehalten. Die Mark Brandenburg war der Sowjetischen Besatzungszone zugefallen, die gerade hier häufigen Erinnerungsorte an die hohenzollersch-preußische Geschichte wurden entweder getilgt, dem Verfall überlassen oder aber anderen Nutzungen zugeführt.

Für den Bismarckturm wurden zunächst Vorschläge gemacht, ihn für eine Sternwarte zu nutzen. Auch ein möglicher Abbruch wurde diskutiert, es stellte sich aber heraus, dass der Turm auf dem höchsten Punkt des Weinberges mit dem Druckhaltungsreservoir der städtischen Wasserversorgung baulich so eng verbunden ist, dass man um die Sicherheit des Hochbehälters fürchten musste. Auch dieser Umstand darf als hintersinniger geschichtlicher Zufall gesehen werden. Der Turm wurde also mit rohem Mauerwerk notdürftig stabilisiert und blieb über Jahrzehnte sich selbst überlassen. Für die Rathenower blieb es einfach der „Bismarckturm“.

Wiedervereinigung: Der Bismarckturm wird restauriert

Nach der Wiedervereinigung regten sich in Rathenow sofort Bestrebungen, den wie in einem Urwald stehenden Bismarckturm zu restaurieren. Hierfür hat sich vor allem Bürgermeister Hans-Jürgen Lünser große Verdienste erworben, der durch geschickte Planungsarbeiten dafür sorgte, dass sowohl der Turm der St-Marien-Andreas-Kirche wieder aufgerichtet als auch der Bismarckturm restauriert werden konnten.

Im Oktober 2002 konnte der für die Restaurierung verantwortliche Architekt Bleis erstmals wieder eine Gruppe von Stadtverordneten über die 90 Stufen eines der beiden Treppentürme auf den Turm führen.

clip_image032Bild 17: Blick vom Bismarckturm mit dem erhöhten Dach des rechten Treppenturms
nach der Restaurierung im Jahr 2002 (Aufnahme Verfasser 2006)

Abgesehen davon, dass die 1942 für Kriegszwecke eingeschmolzene Bismarckstatue nicht ersetzt werden konnte, zeigte die Wiederherstellung des Turmes aber eine Veränderung: Die Dächer der Treppentürme waren mit Stahlkonstruktionen höher gestellt worden, um eine gute Aussichtsmöglichkeit auch auf die Altstadt zu ermöglichen.

clip_image034Bild 18: Der Bismarckturm in Rathenow nach dem Umbau im Jahr 2011
(Aufnahme Verfasser 2012)

Der Rathenower Volksmund charakterisierte die gewissermaßen über den Treppentürmen schwebenden Dächer umgehend mit dem Spitznamen „Chinesenhütchen“, die auffällige Veränderung fand aber nicht den Segen der zuständigen Denkmalsbehörde. Die Stadt Rathenow konnte sich diesem Verdikt nicht entziehen, man sah sich gezwungen, die Dachkonstruktion der Treppentürme noch einmal umzubauen. Allerdings wurde wiederum nicht die ursprüngliche Gestaltung der Treppentürme rekonstruiert, sondern die Dächer wurden um einige Lagen Mauerwerk höher gesetzt, womit auf der Portalseite je drei Doppelfenster eingefügt werden konnten. Damit soll dem allgemeinen Wunsch nach einer Aussicht in alle Himmelrichtungen Genüge getan werden. Man kann zugestehen, dass diese dezente Veränderung den ursprünglichen Gesamteindruck des Bismarckturmes kaum beeinflusst. Die Aussichtsmöglichkeit aus diesen sehr klein gehaltenen Fenstern ist allerdings deutlich beschränkt, sie befinden sich auch in einer unbequemen geringen Höhe über dem Niveau, auf dem ein Besucher steht, so dass der mit der baulichen Veränderung erzielte Gewinn recht gering ist.

Der Bismarckturm in Rathenow
– Gedenken an Otto von Bismarck, den Einiger Deutschlands
– Symbol der Kraft der Mark Brandenburg

Die Begeisterung für Bismarck, aus der heraus auch der Rathenower Bismarckturm entstand, galt gewiss zu allererst der von ihm geschaffenen politischen Einheit Deutschlands, die die Ansammlung mehr oder weniger kleiner Staatsgebilde auf deutschem Boden Deutschland zu einem beachtlichen Glied der Völkergemeinschaft Europas gemacht hatte. Der nüchternen Feststellung, dass diese Einigung auch die furchtbaren Katastrophen des 20. Jahrhunderts einschließlich der lang andauernden Teilung in der Folge des zweiten Weltkrieges überdauert hat, kann nicht widersprochen werden.

Die Jahre, in denen der Bismarckturm geplant und gebaut wurde, fielen in die Zeit der Vorgeschichte zum Ersten Weltkrieg. In diesen Jahren gab man sich oft einer kritiklosen Überheblichkeit hin, die bei vielen Gelegenheiten zum Ausdruck gebracht wurde. Hierfür musste auch der berühmt gewordene Ausspruch Bismarcks herhalten „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt“ der zur Grundsteinlegung gleich zweimal und zur Einweihung noch einmal in dieser fast selbstverständlich gewordenen fatalen Verkürzung zitiert wurde. Tatsächlich hatte Bismarck weise angefügt: „… und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt“. Bismarcks Wirken insgesamt bleibt ambivalent, dessen ungeachtet aber doch der Erinnerung wert.

In einer darüber hinausgehenden Sicht sollte der Bismarckturm in Rathenow das Bewusstsein verkörpern, in der Geschichte der Mark Brandenburg zu leben. Das macht die Gestaltung des Bauwerkes auch ohne die Bismarckstatue deutlich nachvollziehbar. Dieser besondere Bismarckturm darf deshalb ohne Einschränkung ebenso als „Brandenburgturm“ angesehen werden.

Die solide Arbeit der Rathenower Bauherren und Handwerker hat dazu beigetragen, dass der Turm trotz erheblicher Kriegsschäden die Jahre der Teilung überstanden hat, wiederhergestellt und am 20. März 2003 zum zweiten Mal eingeweiht werden konnte – die Symbolik des Turmes ist damit umso deutlicher geworden. Er erinnert an das Auf und Ab der Geschichte, in der es einst eine Blüte der Mark Brandenburg gegeben hat, seine Standhaftigkeit bestärkt uns in dem Vertrauen, dass die Zukunft auch wiederum Blütezeiten für die Mark Brandenburg bescheren wird.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass es die noch archivarisch verfügbaren Hinweise und Berichte in der lokalen Presse Rathenows aus den Jahren 1909 bis 1914 erlauben, die ideologische Entstehungsgeschichte des Bismarckturmes in Rathenow nachzuvollziehen. Sprotte, dessen Entwurf die Bürgerschaft Rathenows aus einer Reihe von ihm vorgelegter unterschiedlicher Vorschläge ausgewählt hatte, schilderte anlässlich der Einweihungsfeier, „wie er zu dem ausgeführten Plan für das Denkmal gekommen sei, überließ das Urteil darüber, ob sein Gedanke ein glücklicher gewesen sei oder ob seine vielen Kritiker Recht gehabt hätten, der Nachwelt …“. Von diesen Diskussionen sind bisher keine detaillierteren Aufzeichnungen bekannt geworden. Zumindest sind aber die Erklärungen in der Presse wiedergegeben worden, die Sprotte selbst in der erwähnten Bürgerversammlung am 21. Mai 1912 abgegeben hat.

Offenbar liegt dem Bismarckturm in Rathenow keine sakrale Idee zugrunde, er ist in seiner Gestaltung auch nicht als eine Art Triumphbogen für Bismarck zu sehen, sondern Bismarck wird als Neubegründer des Deutschen Kaiserreiches von 1871 und als Märker, als die Personifizierung der Kraft der von Albrecht dem Bären gegründeten Mark Brandenburg verstanden und gewürdigt.

Bismarck hat zu seiner Herkunft aus der Mark gestanden. „Preußen“ war eine Erfindung der Hohenzollern, um an die Königskrone gelangen zu können. Man könnte meinen, dass mit dem Verlust der Krone auch die Begründung für „Preußen“ entfallen ist. Jedenfalls ist die Mark Brandenburg geblieben und hat als ein konstituierender Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland die Nachfolge des Kurfürstentums Brandenburg im früheren Deutschen Reich angetreten.

Haben die Erbauer des Bismarckturmes in Rathenow vor hundert Jahren diese historische Stärke der Mark Brandenburg im Blick gehabt?

Autor: Prof. Dipl.-Ing. Hans Müller, E-Mail hamue.berl@t-online.de     12.03.2015

 

Quellenangaben

„RZ“: Rathenower Zeitung

„KW“: Kreisblatt für das Westhavelland

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Geschichte

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