Gästebucheintrag 13.07.1997

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 29. Januar 2011 12:08


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Ein herzliches Dankeschön dem aktiven Förderkreis, der eine wichtige Initiative für Kirche und Stadt angestoßen hat. Weiterhin Erfolg!

13/7/97    Manfred Stolpe

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Gästebuch

Säulensteinspende

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Januar 2011 13:52


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Das Steuerbüro Matthias Goetze und Thomas Brunow aus Rathenow spendeten am 22.12.2010 die Säulensteine 902-941 (200,00 €) für den Wiederaufbau der Kreuzgewölbe im Chorraum der Sankt-Marien-Andreas-Kirche in Rathenow. Der Förderkreis bedankt sich für die Spende.

Dr. Heinz-Walter Knackmuß

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Spende für den Chorraum

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 28. Januar 2011 08:05


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Die Kulturministerin des Landes Brandenburg Dr. Martina Münch gratuliert dem
Stellvertretenden Superintendenten und Geschäftsführenden Pfarrer, Andreas Buchholz,
am 11.06.2010 zu seinem 50. Geburtstag

Pfarrer Andreas Buchholz feierte am 11.06.2010 seinen 50. Geburtstag. Auch die Kulturministerin des Landes Brandenburg, Dr. Martina Münch, gratulierte ihm vor der Kirche zu seinem Ehrentag. Auf der nachfolgenden Feier im Kirchen-Café hatte er von seinen Gratulanten statt Geschenke und Blumen eine Spende zum Wiederaufbau der Kreuzgewölbe im Chorraum erbeten. Dabei kamen 1.856,50 € zusammen. Am 19.12.2010 überreichte der Förderkreis  dem Pfarrer Buchholz Stifterbriefe und eine kleines Keramiktäfelchen mit dem Grundriss der Kreuzgewölbe in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche. Der Förderkreis bedankt sich für die Spende bei dem Stellvertretenden Superintendenten und wünscht ihm Gottes Segen und gute Gesundheit für das neue Lebensjahrzehnt.

 

Dr. Heinz-Walter Knackmuß

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Der Graf von Gleichen

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 27. Januar 2011 23:17


 

 

Wachsenburg ,eine der Drei Gleichen

Wachsenburg - eines der Burgschlösser der Grafen von Gleichen
im Ilm-Kreis (Thüringen) - Die Kreisstadt  des Ilm-Kreises ist Arnstadt


Der Graf von Gleichen - eine Legende
Ein Graf von Gleichen, den viele Leute in Erfurt gekannt haben, hatte mit seiner Gemahlin ein ehrbares Leben geführt. Als er an einem Krieg gegen die Türken teilnahm, wurde er in einem Treffen gefangen genommen und vom Sultan in die Türkei geführt. Nachdem er dort längere Zeit in Gefangenschaft zugebracht hatte und zu anstrengenden ländlichen Arbeiten verwendet worden war, sah ihn die Tochter des Sultans, als sie lustwandelte, trat sogleich an ihn heran und fragte ihn, auf welche Weise er dorthin gekommen wäre? Wie sie sich mit ihm unterhielt, wurde sie von seiner Gestalt und Gewandtheit so eingenommen, dass sie von Liebe ergriffen wurde. Sie machte ihm deshalb den Vorschlag, ihn gegen das Versprechen der Ehe aus der Gefangenschaft zu befreien und mit ihm in seine Heimat zu fliehen. Als der Graf hierauf entgegnete, dass er bereits eine Gemahlin und Kinder in seiner Heimat besäße, antwortete sie ihm, das könnte kein Hindernis sein, weil die türkische Sitte es mit sich brächte, dass ein Mann zwei oder mehrere Frauen hätte. Auf diese Äußerung hin erklärte sich der Graf gern einverstanden und versprach ihr Treue.
Die Sultanstochter bewirkte hierauf sofort seine Befreiung und ging mit ihm davon. In Venedig fand er einen seiner Diener, der ihn schon lange gesucht hatte und von dem er erfuhr, dass es seiner Gemahlin wie den Kindern und der übrigen Familie wohl erginge. Nachdem der Graf das vernommen hatte, begab er sich nach Rom und trug den ganzen Verlauf der Sache dem Papste vor, wie er nämlich der Sultanstochter Treue gelobt hätte, um seinen Leib zu retten, nicht aber aus Begehrlichkeit und Sinneslust. Der Papst erteilte ihm deshalb Freiheit und Vergebung, ließ ihm auch einen Ablassbrief ausfertigen, worauf der Graf in seine Heimat zurückkehrte.
Die Gattin nahm den Heimgekehrten mit Freuden wieder an, ohne sich durch dessen Verhältnis zur türkischen Fürstin verletzt zu fühlen, vielmehr widmete sie dieser, der sie ja den Besitz des teuren Gemahls verdankte, innige Liebe. Die Fürstin fügte sich auch ihrerseits leicht in die Gräfin, sodass beide in der größten Freundschaft und ohne allen Zwiespalt das Leben miteinander verbrachten. Gott aber, der diese Ehe gnädig gestattete, beglückte die wahre oder frühere Gemahlin mit reichem Kindersegen, während der türkischen Fürstin Kinder versagt blieben; doch zog diese gleich einer Dienerin die Kinder der Gräfin auf und pflegte sie mit treuer Liebe.
Die Grabplatte des Grafen von Gleichen mit seinen beiden Frauen, die Fürstin mit einer marmorne Krone geschmückt, die Gräfin mit unbedecktem Haupte und mit ihren Kindern zu ihren Füßen, befindet sich heute im Erfurter Dom.

Grabplatte des Grafen von  Gleichen mit seinen beiden Frauen im Erfurter Dom

Grabplatte des Grafen von Gleichen
mit seinen beiden Frauen
im Erfurter Dom

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Novembergedanken

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 27. Januar 2011 07:36


Gedanken am Totensonntag

von Peter Kurth

Rathenow

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Im traurigen Monat November …

Das ist noch eine weitgehend lebendige Tradition: Totensonntag. An diesem Tag des Jahres 2009 mache ich mich schon im Morgengrauen auf den Weg zu unserem Friedhof; ich will erst einmal allein sein. Viel Zeit habe ich heute. Ich will sie besinnlich nutzen.

Es gibt mehrere Zugänge zu dem weitläufigen Gelände auf unserem „Weinberg“. Ich wähle nicht den kürzesten.

Ein kleiner Ring begrenzt unser Leben,
und viele Geschlechter reihen sich dauernd
an ihres Daseins unendliche Kette.

Johann Wolfgang Goethe

Diesen Gedenktag, den Totensonntag, neuerdings auch Ewigkeitssonntag genannt, gibt es seit der Reformation. Die evangelischen Christen wollten (konnten) damals nicht den katholischen Feiertag „Allerheiligen“ übernehmen (der ja auch im „traurigen“ Monat seinen Platz hat), und die preußische Krone beförderte schließlich die Festlegung eines einheitlichen Datums: Der letzte Sonntag im Kirchenjahr sollte es sein. Das neue Kirchenjahr beginnt dann mit dem 1. Advent, mit der Vorfreude auf die Ankunft des Heilands.

Schon seit meiner frühen Kindheit haben wir eine Familiengrabstätte. Der Bruder meiner Mutter, der wie sein Vater Otto Preuss hieß, musste als Soldat gegen Ende des 2. Weltkrieges sein Leben auf der Insel Krim lassen. Dort gibt es kein Grab für ihn. In den Rückzugs-Kriegswirren wurde er irgendwo verscharrt.

Unsere Familie setzte ihm hier in der Heimat in unserer Grabstätte ein Gedenkkreuz aus Eichenholz. Das steht heute noch und wird sorgsam vor dem Verfall geschützt.

Meine Großeltern, meine Eltern und die Schwiegermutter sind in der Familiengrabstätte beerdigt. Urnenbestattungen sind längst allgemein akzeptiert. Auch für die nächste Generation wird dort Platz sein.

Solche Familiengrabstätten sind nicht mehr so häufig anzutreffen. Festgefügtes, festgeschriebenes Familienleben ist seltener geworden. Der Wechsel von Wohnorten ist oft auch aus wirtschaftlichen Gründen unvermeidlich, und die Kosten einer Bestattung sind natürlich abhängig von der Größe der Grabstätte. Hinzu kommt: „Wenn die Kinder weit weg sind“, in anderen Gegenden wohnen, - wer soll die Gräber pflegen? Auch hier wären Kosten zu bedenken.

Die traditionelle Friedhofskultur ist stark rückläufig. In Großstädten haben wir schon an die 30 % anonyme Beerdigungen… Einsamkeit im Leben, Verlorenheit danach …

Heimat ist da, wo ich die Toten mit Namen kenne.

Diesen Satz habe ich neulich in einem Internet-Text gelesen.

Wohl dem, der Heimat hat

Das ist der Titel des neuen Buches von Friedrich Schorlemmer. Ich schätze diesen verdienstvollen und populären Theologen sehr. In diesem Buch macht er aufmerksam auf nach wie vor tragfähige Werte und auf innere Gewissheiten. Was der Mann zu sagen hat, ist auch für „Nichtchristen“ (also für die Mehrheit unserer Menschen in Brandenburg) lesbar und lesenswert.

Unser Friedhof liegt weit gegliedert auf einem besonders schönen Stückchen meiner Heimat. Warum gehe ich zu den Gräbern meiner Vorfahren? Sie sind mir nicht spurlos entschwunden. Wir sind sozusagen „in Verbindung“. Das gilt sogar für meinen Onkel, an den ich kaum Erinnerungen habe, weil er sein Leben lassen musste, als ich erst 4 Jahre alt war. Solange ich lebe, haben mir meine Toten was zu sagen.

Joseph von Eichendorff muss wohl an einen Ort wie unseren Friedhof gedacht haben, als er schrieb:

… rauscht die Erde wie in Träumen
wunderbar mit alten Bäumen.
Was dem Herzen kaum bewusst:
Alte Zeiten, linde Trauer,
und es schweifen leise Schauer
wetterleuchtend durch die Brust.

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Mein Großvater ist 1955 gestorben. Auch da war ich fast noch ein Kind. Aber an ihn habe ich ungezählte Erinnerungen. Erst später wurde mir so richtig bewusst, wie schwer sein Start ins Leben war. Seine Mutter ist im Jahr seiner Geburt gestorben, der Vater, noch nicht ganz 40 Jahre alt, wenige Jahre später. So kam der Junge aus dem Raum Stendal nach Rathenow zu einem „Vormund“, einem Verwandten. Ich hatte als Kind herzlich gelacht, als er mir davon erzählte: „Zu Hause war ich schon eine kurze Zeit in der Dorfschule, aber ein Zeugnis hatte ich noch nicht, als ich nach Rathenow kam. Hier gab man mir nun eine kleine Rechenaufgabe. Ich sollte zeigen, was ich schon gelernt hatte. Aber da war ich vorsichtig. In meinem Altmärker-Platt sagte ich: Reeken hemm wa ja noch nich jehatt!“

In seiner Rathenower Schulzeit muss sehr viel Wert auf eine eindrucksvolle Schrift gelegt worden sein. Er schrieb immer mit vielen großzügigen Bögen und Kringeln, die ich als Kind mehr bestaunte als bewunderte.

Nach der Schule wurde er Schlosserlehrling. Die Lehrzeit betrug damals 4 Jahre. Das war wohl recht einträglich für den Lehrmeister, der allerdings dafür auch „Kost und Logis“ zu übernehmen hatte.

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Den Lehrbrief der Schlosserinnung in Rathenow vom Januar 1896 haben unterschrieben:

Karl Krahnast als Lehrmeister,
der Obermeister Stilcke und der Schriftführer Thie.

In damaligen Schlossereibetrieben wurden „Kunst- und Bauschlosserarbeiten“ angeboten. Dazu gehörten auch Grabanlagen-Gitter.

Insbesondere auf dem ältesten Teil unseres Friedhofs finden sich noch Arbeiten dieser Betriebe. Sie sind weit über 100 Jahre alt und in sehr unterschiedlichem Zustand.

Ich hatte ja schon angedeutet, dass ich heute am Totengedenktag einiges vorhabe. In meiner Tasche habe ich einen Fotoapparat und eine kleine Drahtbürste. Und das Wetter ist geeignet dafür, die Lichtverhältnisse sind günstig.

Mein Großvater ging entsprechend den Regeln seiner Zunft auf Wanderschaft. Arm wie vorher, aber erfahren und selbstbewusst geworden, kehrte er nach Rathenow zurück. Lange war er unterwegs, weit war er gekommen. Eine seiner Stationen erscheint mir auch heute noch besonders beeindruckend: Er arbeitete am Bau der Müngstener Talbrücke bei Solingen mit. Die ist mit 107 Metern immer noch die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Damals wurden die Brückenteile vernietet. In schwindelnder Höhe mussten die Nieten im Schmiedefeuer glühend erhitzt werden … und in dieser Zeit wurde natürlich „ohne Netz und doppelten Boden“ gearbeitet.

Über die Zeit der Rückkehr nach Rathenow erzählte er mir mit verschmitztem Gesicht, dass er sich als Erstes Geld für einen guten Ausgeh-Anzug und für einen teuren Zylinderhut zusammengespart hatte. Und so ausgestattet ging er nun auf „Brautschau“.

Neben der Kleidung hatte er in diesen Jahren noch etwas vorzuweisen: Ein „schneidiges“ Aussehen und einen guten Ruf als hoffnungsvoller Junggeselle.

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So lernte er die stille und bescheidene Tochter eines Rathenower Bauunternehmers kennen und hielt erfolgreich um ihre Hand an.
Die Heirat war im November 1908. Den Trautext aus dem 2. Korintherbrief der Bibel hat auch der wohlhabende Brautvater beherzt angenommen: „… freuet euch, seid vollkommen …“

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Das junge Paar bezog eine schöne Wohnung, und der ehemals notleidende Waisenknabe konnte sich mit Hilfe seines Schwiegervaters einen modernen Schlossereibetrieb in Rathenow einrichten. Auch die neuen Geschäftsbriefbögen sahen beeindruckend aus.

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Und das ist nun mein Vorhaben am heutigen Totensonntag: Ich will die noch vorhandenen Grabanlagen meines Großvaters und einiges von seinen Lehrmeistern fotografieren. Nach 100 Jahren ist zu befürchten, dass diese altehrwürdigen Denkmäler uns nicht mehr so sehr lange erhalten bleiben.

Dass alles vergeht, weiß man schon in der Jugend,
aber wie schnell alles vergeht, erfährt man erst im Alter.

Marie von Ebner – Eschenbach

Nicht nur mein Großvater war Schlosser, auch mein Vater. Und auch mein erster Beruf folgte dieser Tradition. Davon ist noch zu berichten.

So habe ich natürlich ein ganz besonderes Verhältnis zu diesen Friedhofsgittern. Ich freue mich auf die nächsten Stunden, die ich allein mit meinen Gedanken, mit meinen Toten verbringen kann.

Das Ewige ist still, laut die Vergänglichkeit.

Wilhelm Raabe

Es war üblich, an den Gittertüren ein Schild mit dem Namen der Schlosserei anzubringen. Türen haben Scharniere und Schlösser; sie waren oft eher verrostet und nicht mehr funktionstüchtig als die übrigen Gitter. Deshalb fehlen an diesen alten Anlagen oft auch zuerst die Türen und damit das Zeugnis ihrer Erbauer. Wenn aber ein Gitter lange in „guten Händen“ war, wenn es oft mit Farbe gegen Rost geschützt wurde, konnte die Schrift des Schildes unleserlich werden. Deshalb habe ich meine kleine Drahtbürste mitgenommen. Ich weiß natürlich, dass ich nicht einfach fremde Gitter bearbeiten darf … höchstens ein ganz klein wenig!
Aber es gibt ja heutzutage auch noch andere Möglichkeiten: Mit Digitalkamera und mit PC-Technik kann man manches besser sichtbar machen!

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Der Lehrmeister meines Großvaters? Auf dem Schild steht ein „C“. Ist es der Sohn? Das kann ich heute nicht klären, aber ich will es nun wissen. Ich habe „eine Spur aufgenommen“ und werde demnächst in Archiven „schnüffeln“.

Auf dem Lehrbrief heißt der Schriftführer Gustav Thie. Das ist also tatsächlich seine Arbeit!
An diesem Schild ist zu sehen, wie mit einer früher gebräuchlichen bleihaltigen Schutzfarbe (Mennige) das Gitter gegen Rost gesichert wurde. Diese Farbe war giftig und konnte an der Rotfärbung erkannt werden.

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Manche Gitter sind in einem schlimmen Zustand. Viele Gräber sind verlassen.

Es gibt Gitterkonstruktionen, deren Vorderfronten aufwendiger gearbeitet sind als die Seitenteile. Das dürfte aus Kostengründen so entschieden worden sein, - eine durchaus zu allen Zeiten an unterschiedlichen Objekten anzutreffende Möglichkeit, ein Projekt trotz begrenzter Finanzen zu realisieren.

 

Mein Großvater wohnte in so einem Haus. Weil meine Eltern 1945 „ausgebombt“ waren, zogen wir dort mit ein. Ich habe in diesem Haus mit der Adresse Goethestr.36 meine Kindheit und Jugend verlebt. Es stammte aus den Gründerjahren . Vor noch nicht langer Zeit wurde es abgerissen, das hat in Rathenow einigen Staub aufgewirbelt.

Die Fassade war so schön gestaltet, dass sie sogar in heimatlichen Veröffentlichungen abgebildet wurde. Die Wohnungen selbst aber und insbesondere die Rückfront waren „billig“ und genügten nach dem Ende der DDR den Ansprüchen nicht mehr. Kein Mieter wäre dort noch eingezogen, und eine Rekonstruktion erschien den Verantwortlichen bei ihrer harten Entscheidung nicht finanzierbar.

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Bei all meinem „Trennungsschmerz“ beim Anblick des Abrisses war mir doch bewusst: Wir haben so viele nicht mehr bewohnbare Ruinen, und immer weniger Einwohner in der Stadt, und leider auch nie genügend Geld, um alle gerechtfertigten Wünsche zu erfüllen.

Zeugen einstigen Lebens – und Sterbens – sind nicht nur hier in meiner Stadt schwer zu erhalten.

Dennoch … könnte man den armseligen Trend zur Geschichtslosigkeit, zur gesichtslosen Anonymität nicht doch aufhalten?
Das Wort „armselig“ lässt mich zögern. Könnte das auf manche Leser ungerechtfertigt oder gar überheblich wirken? Es gibt so viele, die penibel rechnen müssen … ich zähle mich und meine Familie ja auch dazu! Es kommt doch aber darauf an, was man wertschätzt, wofür man seine begrenzten finanziellen Möglichkeiten nützt.
Ich lasse mein provozierendes Wort „armselig“ stehen! Und ich erzähle weiter, wie wertvoll mir unser Familiengrab und unser ganzer Friedhof und darüber hinaus andere Denkmale („denk mal!“) unserer Vergangenheit sind.

Bleibt mir vom Leib mit eurem Geschrei,
dass der Mensch nur ein Häuflein Asche sei!

Gerhard Hauptmann

Es gibt Doppelhäuser und Doppelgrabanlagen. Hier ist eine solche Konstruktion zu sehen. Die vordere Tür fehlt, die andere zeigt, dass es eine Arbeit meines Großvaters ist. Die Grenze zwischen den beiden Hälften ist wieder „verbilligt“ gestaltet.

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Eine Gitterkonstruktion gibt es, für die dürfte mein Großvater damals einen guten Preis erzielt haben. Sie ist auch am besten von allen seinen Arbeiten erhalten. Sogar sein Schild ist noch sehr gut lesbar.

Die Besitzer wussten wohl über Generationen, dass sie mit dieser Grabeinfassung etwas Wertvolles haben. Und dass es erhalten werden sollte. Auch für all die, die über unseren Friedhof gehen und nur die Ruhestätten unserer Vorfahren inmitten einer schönen Natur betrachten wollen. Die hier Stille und Frieden („Friedhof“) vorfinden.

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Ein Gitter grenzt ab. Aber es soll, zumindest auf einem Friedhof, auch Einblick gewähren. Darüber hinaus sollte es an einem solchen Ort auch nicht fremd wirken.
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ch erkenne, vom Kunstschmied gestaltet, sich windende Zweige, Blätter, Knospen und Früchte.

Otto Preuss wurde um das Jahr 1910 ein selbständiger Handwerker. Da betrug die tägliche Arbeitszeit 10 bis 12 Stunden. Kinderarbeit war ab 10 Jahren erlaubt. Man erreichte mit Auto und Eisenbahn schon Spitzengeschwindigkeiten von 200 km/h. Lilienthal war bereits tödlich abgestürzt, jetzt experimentierte Graf Zeppelin mit Luftfahrzeugen. Der Hauptmann von Köpenick hatte sein Abenteuer schon bestanden. Die Titanik wurde gerade gebaut.

Otto Preuss war in Rathenow ein „Aufsteiger“. Die meisten zahlungskräftigen Kunden gingen zu den alteingesessenen Schlossereien. Das erfuhr ich auch, wenn ich als Kind ihm andächtig zuhörte. Solch eine großzügige und sehr eindrucksvolle Grabanlage ist die der Apothekerfamilie Dr. Schultze. Die Gitter der Anlage sind sogar von der Schlosserei Stilcke wieder aufgearbeitet worden. Im Rathenower Heimatkalender 2004 ist über das zweihundertjährige Geschäftsjubiläum der Firma Stilcke viel Interessantes zu lesen.

Mein Großvater hätte sicher mit solider Arbeit, mit wohlüberlegten Preisen und mit Geduld seine Stellung in Rathenow weiter verbessern können. Aber da kam der Krieg. Er wurde eingezogen, fand mit Mühe einen Kompagnon, der aus Alters- oder Gesundheitsgründen daheim bleiben durfte. Aber der war, wenn ich mich recht erinnere, ein Optiker. Das ging natürlich nicht gut.

Anders als ihr euch geträumt fielen die Würfel des Streits …

Tränen brachen dir aus um den vergeudeten Schatz wichtigster Jahre.

Stefan George

Otto Preuss kam weißhaarig aus dem Krieg zurück, knapp über 40 Jahre alt. Ein Granateinschlag mit furchtbaren Folgen rings um ihn herum hatte sein Haar innerhalb kürzester Zeit gebleicht. Ich weiß bis heute nicht, wie das möglich ist.

Die dem deutschen Volk nach dem Krieg auferlegten Reparationsgelder wurden auf über 100 Milliarden Goldmark festgelegt. Eine unvorstellbare Not brach über das vormals so fürchterlich verführte Volk aus. Hunger und Wohnungselend beförderten Seuchen. Die sogenannte Spanische Grippe tötete in der Nachkriegszeit 20 Millionen Menschen, das waren mehr als alle an der Front gefallenen Soldaten. (Diese Tragödie ist weitgehend in Vergessenheit geraten.)

In unserem Bismarckturm-Zimmer gibt es ein Porträt des für seine Zeit weitsichtigen und klugen Politikers mit einem bemerkenswerten Zitat.

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Eine Minderheit konnte unter dem Motto „Hurra, wir leben noch“ die fälschlich bezeichneten „Goldenen Zwanziger Jahre“ genießen.
Die Familie meines Großvaters gehörte nicht dazu. Zu allem Elend kam dann noch die Inflationszeit. Auf dem Höhepunkt der Geldentwertung kostete eine Briefmarke (zahlenmäßig) so viel wie Anfang des Jahrhunderts eine Villa in bester Lage.
Der Bankrott der Schlosserei Preuss war unausweichlich. Der einst so zukunftssichere Mann wurde jetzt Bahnschlosser. Er hatte nun eine Tochter, meine Mutter, und einen jüngeren Sohn, meinen Onkel, an den ich kaum Erinnerungen habe, weil er im 2. Weltkrieg gefallen ist. („Gefallen“ – was für ein Ausdruck!)

Noch eine Erinnerung an diese Zeit hat meine kindliche Phantasie sehr angeregt. Es standen manchmal Eisenbahnwagons mit Getreide auf dem Rathenower Bahnhof. Da schlichen dann ein paar verwegene Bahnschlosser hin und bohrten die Wagen von unten an. Die Montagekisten fassten nicht viel, und die Löcher mussten dann schnell und zuverlässig mit Schrauben wieder verschlossen werden. Kein verräterisches Körnchen durfte auf den Bahndamm fallen. Diese so anspruchsvolle Arbeit konnten auch nur erfahrene Fachleute ausführen.
Manchmal, zum Glück nicht oft, kam der Bahnschlosser später als sonst und sehr verzweifelt und beschämt nach Hause. Dann roch er nach Bier und torkelte. Das habe ich von meiner Mutter erfahren. Sie fügte hinzu: Aber das kostete nicht so viel, er war ja wie alle schlecht ernährt und konnte nicht viel Alkohol vertragen.

Nun war er ein „Absteiger“. Er war politisch interessiert und grübelte. Aber er wurde kein Kommunist. Er nahm im Gegenteil zur Kenntnis, dass in Russland eine Parteiendiktatur errichtet wurde, dass dem russischen Volk wie einstmals auch ihm „herrliche Zeiten“ versprochen wurden, dass aber die radikalen Umwälzungen im Lande Lenins 10 Millionen Hungertote und Seuchenopfer forderten. Wie sollte es weitergehen in Deutschland? Ich glaube, auch Otto Preuss hatte wie die meisten seiner unglücklichen Landsleute „keine Ahnung“.

Leben ist, was uns zustößt.
Während wir uns etwas ganz anderes vorgenommen haben.

Henry Miller

Aber die Familie, meine Familie, kämpfte sich durch diese Zeit. Die Kinder gingen zur „Mittelschule“, und manchmal hatten sie nur Senf auf den Schulbroten. Meine Mutter ging dann in die Lehre und wurde mit 24 Jahren Damenschneidermeisterin. Ihr Bruder „Otti“ war erfolgreich dabei, in der Rathenower Optik Fuß zu fassen… ehe er dann auch Soldat werden musste. Der Familienvater hatte wieder Grund, stolz zu sein – auf seine Kinder.

Ich bin immer noch auf dem Friedhof. Ich habe mir nur gestattet, einen weiten gedanklichen Ausflug zu machen. Mittlerweile bin ich längst nicht mehr allein. Viele, sicher von nah und fern, sind jetzt hier oben. Ob sie auch ähnlich wie ich zurückdenken? Also nun zurück zu meinem eigentlichen Thema!

Großvater hatte sich schon vor dem Krieg ein kunstgeschmiedetes Grabkreuz gebaut. Es sollte auf dem Friedhof von seiner einstigen Profession künden. Jahrzehntelang hatte er es gehütet, er hat es auch über die Wirren des zu Ende gehenden 2. Weltkrieges gebracht. (Ich habe von Tischlern gehört, die sich in ähnlicher Weise frühzeitig ihre Särge gebaut haben sollen …)

Mein Vater war Schlosserlehrling bei der Firma Thie. Er lernte meine Mutter kennen, als er in der Werkstatt, in der sie lernte, eine Arbeit zu verrichten hatte.
Als Großvater starb, hat mein Vater das wunderbare Grabkreuz fachmännisch aufgestellt. Es würde heute noch eine Zierde unseres Friedhofs sein, wenn es nicht gestohlen worden wäre.

Ich hörte damals von der Polizei: „Machen Sie sich mal keine Hoffnung …“. Kaum, dass ich die abgestumpften Beamten zu einem Protokoll überreden konnte. Wie viel auf deutschen Friedhöfen gestohlen wird, ist ein gesellschaftspolitisches Tabu wie manch anderer Bereich auch. Kriminalität greift mehr in unser heutiges Leben ein als wir wahr haben wollen.

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Das ist das einzige Foto, auf dem das gestohlene Kreuz einigermaßen zu erkennen ist. Wer ahnte denn so etwas! Bei all dem Elend, das er durchgemacht hat, hätte sich der Großvater nicht vorstellen können, dass sein gehütetes Kreuz auf so gemeine Art verschwindet.

Trauriger Monat November … das Holzkreuz steht etwas versteckt in der Ecke. Es stellt keinen materiellen Wert dar, ist aber mittlerweile auch einzigartig … hoffentlich bleibt es uns erhalten!

Mittlerweile ist es Mittag geworden, ich werde nach Hause gehen. Aber am Nachmittag gibt’s noch einen zweiten Teil meines Gedankenfluges am Totensonntag.

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Ich bin „Metaller“ geworden wie Vater und Großvater. Später kam mein zweiter Beruf Lehrer hinzu. Dass Geschichte eines meiner Fächer wurde, ist auch dem Schlosser Otto Preuss zu verdanken. Seine Schilderungen und Wertungen, sein Schicksal, das hat mich stark geprägt.
Heute denke ich: Ich hätte viel mehr fragen müssen! Manches von damals bleibt mir im Dunkeln. Und ich kann es nun nicht mehr ändern. Enkel versäumen viel, wenn sie von ihren Großeltern, die ja mehr Zeit als die Eltern haben, nichts oder wenig wissen wollen.

20 Jahre lang war ich an einer Rathenower Schule tätig, als ich 1990 dort Schulleiter wurde. Da war ich 50 Jahre alt. Mit 50 hatte mein Großvater seinen geliebten Schlossereibetrieb schon verloren. Meine Mutter feierte in dem Alter ihr 25-jähriges Meisterjubiläum.

Die Jahre nach 1990 waren turbulent. Unser Schulgebäude wurde ursprünglich für einen anderen Zweck gebaut. Wir hatten zu viele Kinder in diesem nicht sehr zweckmäßigen Bau. Das betraf die Klassenräume, die Flure, aber auch den Pausenhof und die Toiletten im „Wirtschaftsgebäude“, einem ehemaligen Pferdestall. Die Toilettentüren waren aus Blech, Winkelstahl war innen zur Versteifung angeschweißt.
In den Pausen stürmten nicht wenige der 500 bis 600 Schülerinnen und Schüler durch diese Türen. Nicht alle mussten da wirklich rein, manche wollten da nur unbeaufsichtigt toben (oder rauchen). Die Lehreraufsicht war ja auf dem Hof postiert; auch Kinder haben ein Recht auf Intimität. Die Großen halten die Tür zu, die Kleinen (die vielleicht wirklich „müssen“) zerren von draußen, rufen nach der Aufsicht, die Tür wird geöffnet, die Aufsicht muss zu einem anderen „Notfall“ eilen, dieTür wird wieder zugerissen …
Wir hatten viele ganz schlimme Fingerverletzungen, seitdem der große Begriff „Freiheit“ draußen im Leben und somit auch in den Schulen so leicht missverstanden werden konnte. In dieser Not rief ich die neu eingesetzte Verantwortliche in der Stadtverwaltung an und wollte Geld für stabile Sturmhaken bewilligt haben. Die Türen sollten in Zukunft in den Pausen „aufgehakt“ bleiben.
Nun hatte diese Dame wohl ihre erste Schulung in Marktwirtschaft hinter sich und erklärte mir, ich solle den Hersteller der Türen regresspflichtig machen, von ihr bekäme ich kein Geld.
Der Erbauer dieser Türen hatte zu DDR-Zeiten viel für unsere Schule gearbeitet. Aber ich konnte mir vorstellen, was ich von dem zu hören bekommen würde. Deshalb ging ich dorthin, wo ich Verständnis für unser Problem und unkomplizierte Hilfe erwarten konnte, zur Schlosserei Stilcke. Ich war gut bekannt mit dem Meister, er war auch mit meinen Eltern befreundet (sein Vorfahr hatte den Lehrbrief meines Großvaters unterschrieben). Das benötigte Material war natürlich kostenlos, und ich durfte meine Haken selbst bauen. Steinschrauben schmieden, die Augen warm biegen, Gewinde schneiden, das Gestänge so formen, dass der Haken im Auge festhält … gelernt ist gelernt!
Schlossermeister Stilcke begutachtete meine Arbeit, lobte mich, und ich war sehr stolz. Es wurde schon dunkel, als ich die Haken dann im Mauerwerk einzementiert und an den Türen angeschraubt hatte.
Die Pausen verliefen nun unblutiger.
Ich denke gern an den alten Meister Stilcke. Manchmal besuche ich auch sein Grab.

Nun komme ich zu einer letzten Schilderung. Sie gehört zu meinem Gesamttext unbedingt noch dazu, wie ich meine.

Die tiefgreifenden Veränderungen nach 1990, die zusammenfassend sprachlich etwas unglücklich auch als „Wende“ bezeichnet werden, brachten neben vielen befreienden Verbesserungen auch eine hemmungslosere Kriminalität mit sich – nicht nur auf dem Friedhof. In unsere Schule wurde eines Nachts eingebrochen und stundenlang sinnlos zerstört und verwüstet. Auch der Stahlschrank neben meinem Arbeitsplatz wurde aufgebrochen und war nun verbogen.
Die Täter wurden ermittelt, aber nicht bestraft. (Wir lernten damals eine Justiz kennen, die auch bei gutem Willen schwer zu begreifen war.)
Diesmal waren 5000 DM Reparaturkosten zur Verfügung. Auch der „Hausschlosser“ aus DDR-Zeiten bekam einen Auftrag. Er ließ sich viel Zeit und wollte auch von mir nichts hören über unsere Vorstellungen… Mitten in einer Konferenz rückte er schließlich an mit Schweißtrafo und einem Ungetüm von Gitter, das er mit Scharnieren und Vorhängeschloss vor die verbogene Stahlschranktür hängen wollte.
… Konferenz wird abgebrochen, Arbeitsplatz des Schulleiters wird wegen des „Flügelschlags“ des Gitters verlegt, wie das Ganze aussieht, ist unwichtig … der Handwerker entscheidet, wann was wie gemacht wird! Seid froh, dass er überhaupt kommt!

Der Mann hatte den Knall nicht gehört, den Startschuss in eine andere Zeit. Wieder einmal war Selbsthilfe des seltsamen Schulleiters angesagt, diesmal aber begleitet von einer Rüge wegen Eigenmächtigkeit seitens der Stadtverwaltung. Der Meister präsentierte nämlich eine Rechnung und verwies auf rechtsstaatliche Grundsätze.

Ich bin an diesem Totensonntag-Nachmittag mit meinen Erinnerungen nicht mehr auf dem Friedhof, sondern in der Stadt unterwegs. Ich stehe vor der Toreinfahrt der ehemaligen Schlosserei Thie.

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Mein Vater war hier Schlosserlehrling, damals war der Meister mit Vornamen „Maxe“ ein bekannter und geachteter Mann. Auch sein Grab ist erhalten. Wäre der 2. Weltkrieg nicht gekommen, hätte Vater vielleicht bei Maxe Altgeselle werden können.
Die Schlosserei ist nicht in Familienbesitz geblieben. Wenn ich es richtig sehe, gab es später mehrere andere Chefs.
Traurig, was ich hier fotografiere. Das war mal eine repräsentative Einfahrt. Die beiden Laternen zeugen von altem Handwerkerstolz. Darüber sind schäbige Rohre angeschraubt. Die stammen aus der Zeit, in der Fahnenschwenken und Fahnenhissen eine Existenzbedingung werden konnte – zumindest, wenn man nicht genügend Standfestigkeit aufzubringen in der Lage war. Die Schlosserei gibt es nicht mehr, das Haus ist eine Ruine.

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Um die jetzige Firma Stilcke zu finden, muss ich zum Stadtrand gehen. In unserem großen Gewerbegebiet nimmt sie einen würdigen Platz ein.

Das ist kein kleiner Handwerksbetrieb mehr, aber weiterhin eine Firma mit Handwerkertradition, wie ich bezeugen kann. Und darüber kann ich mich, der ich ebenfalls aus einer Handwerkerfamilie komme, auch an einem Totensonntag freuen.

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Gegründet 1804 – über hundert Jahre vor der Eröffnung der Schlosserei Preuss!

Der Tag geht zu Ende, ich gehe nach Hause. Es ist der traurige Monat November, es ist Totensonntag. Ein guter, ein wertvoller Tag.

„Herkunft, Anbindung, Lebenszusammenhang, Erinnerung, Gefühlswelten – wer all dies nicht hat oder verschmäht, muss als entwurzelt gelten …
Ein entwurzelter Mensch ist anfällig für Verführungen …
Die Wiederentdeckung der Region, der Heimatstadt … ist auch eine Reaktion auf das Gefühl der Uniformität, Anonymität, Entfremdung und Unbehaustheit, der wachsenden Gleichförmigkeit und Gesichtslosigkeit.“

Friedrich Schorlemmer : Wohl dem, der Heimat hat

Aufbau-Verlag 2009

 

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Die zweite Pilgerreise

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 27. Januar 2011 07:35


Die zweite Pilgerreise

Peter Kurth 2008
1. Diese  „Pilgerfahrt“ wird anders! Als ich mich im vorigen Jahr auf des alten Arminius´  Spuren begab, war das nahende Jubiläum der Schlacht im Teutoburger Wald der äußere Anlass und mein zentrales Thema.
Manches, was ich als Lehrer früher im Unterricht berührt hatte, wollte nach meiner Erkundungsreise, auch dank neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, mit anderen Augen betrachtet werden. Die Zeiten ändern sich; die Sicht auf die Zeitläufte auch.
Aber da ist ja noch etwas, was mich zu solchen Fahrten antreibt. Ich gehöre zu denen, die über Jahrzehnte so vieles, was sie im Unterricht jungen Menschen zu vermitteln suchten, nicht bereisen konnten. Die auch nur das Schriftgut in die Hände bekamen, das ihnen von einer feudalistisch anmutenden Obrigkeit zugedacht war.Ich habe das trotz aller staatlicher Propaganda in der ehemaligen DDR immer als tiefgreifenden Mangel empfunden und darunter wie viele andere gelitten. Auch, weil wir, die nicht ganz Angepassten, uns manchmal vorkamen wie in der Diaspora lebend.
In meinem Fall gab es noch nicht einmal die bescheidene Hoffnung auf spätere Rentner-Reisefreiheit. Ich hatte keine Leute „drüben“, die mir solche Reisen bezahlt hätten.
Die damalige Bedrückung ist unvergessen, das dankbare Gefühl der Befreiung davon ist dauerhaft.
Wenn ich damals im Deutschunterricht das Becher-Lehrplan-Gedicht „Schöne deutsche Heimat“ behandelt habe, empfand ich immer auch Frust.
„ ... wie herrlich leuchtete die Gebirgswelt in ihrem Gletscherglanz,
und Alpenwiesen schmiegten sich an die Geröllfelder, dunkelgrün ...“
Dieser wohltönende Kommunist hatte das mit eigenen Augen gesehen ... mir aber wollten seine Genossen einreden, dass ich als Lehrer in ihrem Staat nicht einmal westliches Fernsehen einschalten sollte ...
Das ist längst Geschichte. Ich kann meine kleinen und größeren Reisen in alle Himmelsrichtungen inzwischen nicht mehr zählen. Alpenwiesen und Geröllfelder habe ich in Bayern,  in Österreich, in der Schweiz und in Italien durchwandert.
„ ... darum ist die Heimat auch wahrhaft schön nur dort,
wo der Mensch sich eine menschliche Ordnung geschaffen hat ...“
Das hast du schön gesagt, Johannes. Aber du hattest eine andere Ordnung im Sinn. Mit Recht gerätst du in Vergessenheit.
Nun denn: Meine grenzenlose Spurensuche ist längst noch nicht erschöpft. Lessing fand ich zu DDR – Zeiten in Kamenz, Goethe in Weimar. Jetzt will ich endlich nach Wolfenbüttel, Wetzlar, Frankfurt.
Und wenn ich schon „da unten“ bin, will ich auch in Bonn Entdeckungen machen. Viele Bundestagsdebatten habe ich im Fernsehen miterlebt. Adenauer und Heuss habe ich noch in Schwarz-Weiß, Brandt und Schmidt schon in Farbe gesehen. Zu allen Zeiten hatte ich registriert, wer da drüben auch an mich dachte. Wer eine Wieder- oder Neuvereinigung im Auge behielt, so trostlos die Aussicht darauf auch erschien. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, dass ich als Europäer besseren Zeiten entgegensehen könnte. Das schwarze Mobiliar des Bonner Bundestages hat sich mir tief ins Gedächtnis eingeprägt.
Im Internet habe ich es wiedergesehen. Teile davon stehen „außer Dienst“ jetzt im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Helmut Kohl hatte einst diesem Museum „Geburtshilfe“ geleistet. Modernste Museumspädagogik wird mir versprochen. Besucher aus aller Welt kommen deshalb in die alte Bundeshauptstadt.
Was werde ich darüber hinaus noch an Spuren dort finden? Die Reiseplanung ist abgeschlossen. Schlafen werde ich wieder auf Camping- und Rastplätzen im geräumigen Auto. Ich werde karg leben wie im vorigen Jahr – wie es sich auf einer Pilgerreise gehört. Aber Einblicke und Reflexionen werde ich im Überfluss genießen. Genügend Zeit („nach hinten  offen“) ist eingeplant.
Von Bonn könnte ich noch ins Bergische Land fahren. Da steht die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands; die hat mein Großvater vor über 100 Jahren als Schlossergeselle auf Wanderschaft miterbaut.
Sein „Wanderbuch“ mit den entsprechenden Stempeleintragungen liegt neben anderen Erinnerungsstücken wohlverwahrt in meinem Schrank.
Wenn ich nun die Frage beantworten sollte: Also diesmal kein zentrales Thema? – dann müsste die Antwort wohl lauten: Eigentlich doch! Ich begebe mich wieder zu Orten, die von Vergangenheit geprägt sind. Sie werden mich anregen, über Gegenwärtiges nachzudenken.
Obwohl ich mich nicht wie mein Großvater zu Fuß, sondern mit 100 PS auf Wanderschaft begebe, werde ich wie im vorigen Jahr danach wieder ziemlich erholungsbedürftig sein.
Es wird also doch nicht alles ganz anders sein auf meiner „zweiten Pilgerfahrt“!
2.Von Rathenow nach Wolfenbüttel ist es nicht weit. Ich habe aber ausreichend Zeit, mich „einzustimmen“.
Lessings Fabeln und sein „Nathan der Weise“ waren Gegenstand des Literaturunterrichts. Die „Ringparabel“ musste auswendig gelernt werden; jeder kam dran und wurde zensiert.
In meinen Weiterbildungsseminaren habe ich die Problematik eines solchen Vorgehens zur Diskussion gestellt. Wer als Heranwachsender Freude an dieser Literatur findet, lernt und rezitiert den einzigartigen Text gern. Der Aufruf des Autors zur Toleranz kann eine wertvolle Anregung  zur künftigen Lebenshaltung werden.
Aber was ist mit denen, die mit dieser Literatur überfordert sind, die „abschalten“? Was wird, wenn Lehrerinnen oder Lehrer da nichts bewirken können? Ein mit Unlust oder gar mit innerem Widerstand gelernter Text errichtet eine Barriere, die ins spätere Leben mitgeschleppt wird.
Die Bildungspolitiker zu DDR – Zeiten haben es sich leicht gemacht: Problemdiskussionen waren unerwünscht. Eine positive Sicht war verlangt, auch wenns nur Lippenbekenntnisse waren. Alle sollten in gleicher Weise „erfasst“ werden.
In meinem Unterricht gab es da ein bescheidenes Angebot zur Differenzierung. Wer beim Rezitieren „steckenblieb“, war nicht auf ein mehr oder weniger verstecktes Zuflüstern der Nachbarn angewiesen. Der Text durfte aufgeschlagen auf dem Tisch liegen. Je nach Bedürftigkeit konnte von dieser Hilfe Gebrauch gemacht werden. Mindestens ein „Ausreichend“ schafften alle, die dem Text Achtung entgegenbrachten. Die Bewertung dessen war mir allein vorbehalten.  Das wurde auch anerkannt. Meine Schülerinnen und Schüler sahen, dass ich ehrlich und offen arbeitete, dass sie bei mir „in guten Händen waren“. Die Fähigkeit, das zu erkennen, konnte ich damals noch voraussetzen.
(Vielleicht müsste ich das „noch“ streichen?)
3. Städte können Besucher, die ja oft mit dem Auto kommen, sofort für sich einnehmen, wenn sie unkompliziert Parkplätze anbieten. Wolfenbüttel ist so eine Stadt. Ich bin offenbar willkommen.
Das weltberühmte herzögliche Bibliotheksgebäude erscheint mir ungewöhnlich groß. Bald erfahre ich, dass es ein Bau ist, der nach Lessings Lebzeiten errichtet wurde, um den gewaltigen Bücherschatz gebührend zu bewahren und nach modernen Gesichtspunkten weiterhin nutzbar zu machen. Das Innere ist großzügig einladend, fensterlos (das hat wohl mit Überlegungen zur Sicherheit zu tun), die Bücherregale gehen wie Stockwerke bis zur Decke, dennoch wirkt alles übersichtlich. Ich fühle mich  wohl hier.
Manche von den großen, prachtvollen Büchern sind aufgeschlagen. Ich lese Texte und betrachte farbenprächtige Illustrationen, wie ich sie noch nicht gesehen habe. Einige Bücher liegen auch in einem riesigen begehbaren Tresor hinter Panzerglas. Schülerinnen und Schüler würden hier unter Garantie fragen: „Wieviel sind die denn wert?“ „Millionen!“, wäre die Antwort, und auch Lehrer würden staunen über so viel Geld.
Lessings Dienstwohnungshaus ist ebenfalls größer als ich es mir vorgestellt hatte. Das original erhaltene Haus musste natürlich irgendwann ausgebessert werden. Daraus erstand ein Problem: Neue Holzdielen wurden mit strapazierfähigem Lack geschützt, beizende Ausdünstungen waren die Folge. „Die Räume müssen für Besucher einstweilen geschlossen werden.“
Ich benötige einiges an Geduld und Überredungskunst, um eine „Ausnahmeeinzelbesichtigungserlaubnis“ von höchster Stelle zu bekommen – für den nächsten Vormittag.
Eigentlich wollte ich abends noch bis in den Westharz fahren. So bummle ich in der schönen kleinen Stadt umher und kaufe mir in Vorbereitung auf Wetzlar eine Reclam-Ausgabe „Die Leiden des jungen Werther“.
In einer Ecke des Wohnmobil-Stellplatzes verlebe ich meinen ersten „Pilgerabend“ in diesem Jahr. Einige Bewohner von Luxusherbergen auf 4 oder gar 6 Rädern rüsten zum abendlichen Gaststättenbesuch. Ich stelle meine Rückenlehne etwas bequemer ein und decke neben mir den kleinen selbstgefertigten Tisch: Brot, Schinken, Gurke,Bier. Dann greife ich zum „Werther“. Den hatte ich seit dem Studium nicht mehr in den Händen.
„Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor, und weiß, dass ihr mirs danken werdet.“  -  Ganz schön selbstsicher, junger Mann! Und zu Recht, wie sich zeigte.
Wenn ein alter Mann neue Eindrücke ebenfalls mit Fleiß sammelt und beschreibt, ob er wenigstens ein paar interessierte Leser findet?

4. Nächte im Auto können lang sein. Junge Menschen schlafen fester. Wenn es dunkel wird, bringe ich eine CD zum Klingen und genehmige mir einen kleinen Schluck aus der eigens für diese Abende mitgenommenen Whiskyflasche. Heute, am ersten Abend, höre ich mir wieder einmal die Mondscheinsonate an. Das ist ein Ritus, der schon bei der ersten Pilgerreise eingeführt wurde. Der alte Mann und die Musik ...
Im November 1897 war mein Großvater Otto Preuß als Wandergeselle in Wolfenbüttel. Dieser Monat ( Heine sagte: Im traurigen Monat November wars ...) verlangt ein schützendes Dach über dem Kopf. Der Stempel im Wanderbuch weist aus: „Herberge zur Heimat“. Das klingt gut, war es hoffentlich auch. In dieser Stadt waren wohl damals schon Fremde willkommen.
5. Der Student war gleich, als die großen Ferien begonnen hatten, in Richtung Norden entflohen. Vor einem Jahr hatte er sich als Jungfacharbeiter mit gemischten Gefühlen zum Studium beworben. Angst hatte er damals, dass er sich über sein Maß  hinaus verbiegen müsste, dass der Preis für ein Germanistikstudium hoch sein würde. Zu Recht, wie sich bald zeigte.
Nun lag er in der Scheune im Heu gegenüber der Kloster-Kirche auf Hiddensee. Da durfte er gar nicht sein. Er hatte sich, als Tagesgast mit dem Schiff aus Stralsund gekommen, in der Dämmerung eingeschlichen. Die Küste war Grenzgebiet zu DDR-Zeiten. Um hier zu übernachten, brauchte man ein staatlich zugeteiltes Quartier. So war er ein potenzieller Grenzverletzer. Er gefährdete sein Studium. Er schlief unruhig.
Die große alte Scheune mit den losen Bretterseitenwänden (die Einlass gewährten, weil das Tor natürlich verschlossen sein musste)  -  die große alte Scheune krachte nachts im Gebälk. Und vorn im Raum, gleich hinter dem Tor, stand der Leichenwagen mit den im Halbdunkel blinkenden Metallbeschlägen.
Der Student war dennoch glücklich in seinem Heu, in der gesuchten, unbequemen, beunruhigenden Freiheit. Nicht weit entfernt lag der ehemals berühmte Gerhard Hauptmann auf dem Friedhof. Im Studium spielte er nur noch eine untergeordnete Rolle.
In den nächsten Tagen wollte der unruhig Schlafende in dem Hauptmann-Museum auf Spurensuche gehen. Was ihm im Studium zugeteilt wurde, erschien ihm ergänzungsbedürftig.
Er blieb länger als eine Woche auf der Insel, ohne dass er als „Illegaler“  entdeckt wurde. Dann ging es weiter „per Anhalter“ nach Wismar und zur Insel Poel. (Auch diese Art zu reisen war an der Küste verboten, er musste vorsichtig sein.)  Nur einen kleinen Rucksack  hatte er dabei. Und  er war ideenreich im Finden von Schlafstätten.

Auch nach Jahrzehnten träumte er manchmal noch von seiner damaligen ungezügelten Freiheit.
6. Am Vormittag wird mir nun Einlass gewährt in das Wohnhaus Lessings. Tür und Fenster werden geöffnet, die Luft ist angenehm, ein Wind weht durch die Räume. Das ist die passenden Atmosphäre, um sich dem großen Aufklärer zu nähern.
„Lassen Sie sich ruhig Zeit!“ wird mir zugerufen, als ich etwas hastig meine Besichtigung beginne. „Danke!“
Gotthold nannten dich deine wohlwollenden Eltern. Du solltest Pfarrer werden. Du hättest ruhig innerhalb der Grenzen deiner Zeit leben können. So wärst du spurlos geblieben. Niemand hätte dich heute noch gekannt. Niemand wäre dir heute noch dankbar.
Statt dessen hast du dein Theologiestudium „geschmissen“  und bist mit einer Theatertruppe herumgezogen. Was für ein Abstieg! Vielleicht hast du auch manchmal im Heu geschlafen? Sicher kanntest du auch das eigenartige Glücksgefühl, nicht allzu angepasst zu sein ?!
Du hast deine für die damalige Zeit unerhörte Unabhängigkeit teuer bezahlen müssen; fast deine ganze Lebenszeit war von materiellem Mangel begleitet. Ein Preis, der auch in späteren Zeiten, der auch heute noch zu zahlen ist, wenn man karrierebewußten Opportunismus verachtet.
Friedrich der Große erwies sich als beschränkt und kleinlich, als er dein Werben um Aufmerksamkeit abwies. Du entsprachst nicht dem Mainstream , dem Geschmack des  „kutscherdeutsch“ sprechenden Herrschers.
Ich betrachte Originalmobiliar, Gebrauchsgegenstände, Bilder, ich finde das tragische Schicksal seiner Frau und seines Kindes beschrieben ... nichts Neues für mich ... da entdecke ich ein interessantes, mir unbekanntes Zitat. Lessing gibt in einem Schreiben „zu Protokoll“, dass sein Herzog bemerkenswert viel Verstand gehabt hätte. Er wäre weniger darauf bedacht gewesen, einen Bibliothekar für seinen unermesslich wertvollen Bücherschatz zu finden. Vielmehr sei es diesem Landesherren darum gegangen, einem würdigen Gelehrten seine Bibliothek zugänglich zu machen, ihm dort weitgehende Freiheit zum Arbeiten zu verschaffen.
Was für ein Lob! Und eine erfreuliche Erweiterung meines Wissens. Auch das Verhältnis Goethes zu seinem Herzog in Weimar war in manchen DDR-Darstellungen etwas verklemmt ...
Goethe lässt seinen „Egmont“ sagen, dass fleißiges und ehrliches Mühen auch ein bescheidenes Maß an Freiheit schafft – überall und zu jeder Zeit.
Die Aussage ist durchaus umstritten. Ich möchte sie aus meiner Sicht zumindest für bedenkenswert erachten. Mein Leben in der ehemaligen DDR wäre ein Beispiel dafür, so will es mir scheinen.
Lessing hat nur die letzten 10 Jahre seines Lebens in Wolfenbüttel verbringen können. Sein „Nathan“ steht als Standbild neben dem Wohnhaus an der Stelle, wo früher die alte Bibliothek, Lessings Arbeitsplatz, war.
Dieser Nathan sieht nicht so aus, als wäre er dem oft zitierten „Mann auf der Straße“ nachempfunden. Ungewöhnlich ist er. Jude, Diaspora, wissend, aufrecht.
Dankbar blicke ich, der kleine vor ihm stehende Besucher, auf seine ausgestreckte Hand und in sein erhabenes Gesicht.

7. In Wetzlar komme ich am frühen Nachmittag an. Die wenigen Parkplätze am Informationszentrum sind besetzt. Ich muss an den Ortsrand. Gut, dass ich mir zu Haus schon einen kleinen Stadtplan ausgedruckt hatte.
Alte Gassen mit liebevoll erhaltenen Häusern, oft Schilder mit Hinweisen zu vergangenem Geschehen, kleine saubere Parks, unten am Ufer der Lahn eine wunderschöne Landschaft. Nichts ist beschmiert, fast nirgends liegt Müll. Das wirkt auf einen Brandenburger mittlerweile wie ein Wunder. Es müssen andere Menschen sein, die hier wohnen. Auch die Schulen können nicht so sein wie zu Hause.
Auf meinem Weg in die Innenstadt bin ich nun auch in den Besitz eines ausführlichen Stadtplans gelangt.
Der junge Goethe hatte nach seinem Jurastudium hier eine kurze Zeit beim Reichskammergericht gearbeitet. Seine damalige Arbeitsstätte, seine Wohnung, sogar seine Speisegaststätte, alles ist bezeichnet. Man ist stolz auf diese Stätten. Man profitiert auch noch davon, denn hier ist Romanhaftes geschehen, was heute noch interessiert und Besucher anlockt.
Wenn ein um Verständlichkeit bemühter Lehrer unserer Tage das beschreiben wollte, würde er das damalige Geschehen vielleicht so ausdrücken:
Goethe war nun ein junger Rechtsanwalt. Sein autoritärer Vater schickte ihn nach Wetzlar, um die Karriere seines einzigen Sohnes weiter zu befördern.
Der wollte aber nun erst einmal sein Leben genießen. Dieser Job hier war ihm ... sowas von egal ... und der strenge Vater war ja eh weit weg ... in seinem langweiligen  Frankfurt.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich appeliere an Ihre Lebenserfahrung; was passiert nun mit unserem Goethe in Wetzlar? – Na klar, er lernt ein Mädchen kennen. Nicht zum ersten Mal in seinem Leben begegnet ihm die Liebe, wenn Sie sich erinnern. Also! Wieder eine Love-Story.
Wie endete die erste? – Tragisch! Friederike aus Sesenheim; Willkommen und Abschied. Haben wir behandelt!  Wie wird wohl seine zweite hier in Wetzlar enden? – Richtig, auch tragisch! – Warum eigentlich? – Genau! Der junge Referendar ist finanziell noch völlig abhängig vom Vater, und der junge Referendar sucht Abenteuer,Liebe, große Gefühle ... aber nicht unbedingt eine dauerhafte Bindung. Denn die müsste ja mit den Intentionen seines väterlichen Finanziers übereinstimmen. Und das hieße höchstwahrscheinlich: kein Abenteuer,keine großen Gefühle ... Ich stelle diese meine Behauptung zur Diskussion, wer möchte sich dazu äußern?  --
Also! Seine Entdeckung heißt Charlotte. Auch ihr Vater ist wohlhabend, er lebt in  einem schönen großen Haus am Stadtrand, er hat mehrere Kinder. Jung-Wolfgang, wir hatten das schon einmal erwähnt, war modebewusst und selbstsicher, er hatte genügend Geld zur Verfügung, um in der sogenannten guten  Gesellschaft zu glänzen. So lernte er seine Lotte bei einer Disco kennen ...
O.K., gabs damals noch nicht! Es war ein sogenanntes Tanzvergnügen. Wie war das damals organisiert? Was ging da ab?
Achtung, Hausaufgabe! Bitte genau nachlesen, wie die jungen Leute damals miteinander umgingen. Darüber wollen wir diskutieren; ich möchte persönliche Wertungen hören, individuelle Reflexionen. Zeit: eine Woche, bitte notieren! Kritisch und mit historischem Verständnis lesen! Hilfsfrage: Möchten Sie damals gelebt haben?
So, nun weiter! Sie gefiel ihm, er gefiel ihr ... als Kumpel ... sie war verlobt! Kann uns mal jemand erklären, was das ist ... verlobt sein?  --
Gut, also, wat nu, Wölfchen?  Ernsthaft! Schon bei Friederike haben wir erkannt: Abenteuerlustig war er. Frage: Könnte man denn  auch mit einem heutigen Begriff sagen, dass er draufgängerisch war?  -- Ich erinnere an „Willkommen und Abschied“. Schreibt ein Draufgänger „ ... welch ein Glück, geliebt zu werden! Und lieben,  Götter, welch ein Glück!“ ? – Sind wir uns also einig: Abenteurer ja, Macho nein!
Aber zurück zu traurigen Wirklichkeit! Lotte blieb ihrem Verlobten treu, so sehr sich der junge Referendar auch abarbeitete!  ... Traurig, nicht wahr? ... Oder?
Möchte jemand Partei ergreifen?
Die Folge: Zum Entsetzen des Vaters klopfte der Sohn zu Hause wieder an. Er war aus Wetzlar geflüchtet, er fühlte sich als Looser.
Kool oder unkool, das ist hier die Frage. Junger Rechtsanwalt im Hotel Mama?  -
Ergebnis der inneren Zerrissenheit nach der Trennung von Friederike waren Gedichte. Nun, nach dem fluchtartigen Abschied von Lotte sitzt Goethe wieder im Elternhaus und leckt erneut seine Wunden. Er ist zutiefst erschüttert. Und das ist ihm recht! Er ist ein Künstler, auch wenn ihm das zu diesem Zeitpunkt noch nicht so ganz bewusst war. Als Künstler ist er berufen, Freud und Leid  tiefer zu empfinden als andere.
Da liest er in der Zeitung, dass sich in Wetzlar, in eben seinem Lotte-Wetzlar, ein junger Mann aus Liebeskummer erschossen hat. Goethe denkt: Das könnte ja ich sein! ... Könnte! Fiktional, virtuell!
Und so fängt er an, einen Roman zu schreiben. Er ist 23 Jahre alt, es wird der Bestseller seines Lebens.
Wenn wir heute nach Goethes bedeutendstem Werk fragen, wäre die Antwort: „Faust“. Zu seinen Lebzeiten hätten viele geantwortet: „Die Leiden des jungen Werther“.
Der literarische Held, der tief inniglich liebt, der an der unerwiderten Liebe zerbricht ... Werther, der Selbstmörder. Der Roman endet so: Er wurde nachts gegen 11 Uhr begraben – von Handwerkern. „Kein Geistlicher hat ihn begleitet.“
Unerhörtes Geschehen! Es folgte ein Aufschrei der Kirche: Selbstmord ist nicht zu vergebende Sünde.Nur Gott ist Herr über Leben und Tod!
Nicht alle hörten auf die Proteste der Kirche. Die Selbstmordrate  schwärmerisch an Liebeskummer leidender  junger Männer stieg nach dem Erscheinen des Romans epidemisch.
Kommen wir also nun zum Schluss für heute! Der Roman bewegt Leser immer noch – vorausgesetzt, man hat Literatur zu lesen gelernt. Dieser Roman ist große Literatur, das heißt, er behandelt zeitlose Probleme.
8. Ich habe mir Zeit genommen, den um Verständlichkeit bemühten Lehrer reden zu lassen. In einem Park sitzend, umgeben von einer Busreisegruppe, die sich von Kaffee und Kuchen erholen muss, verträume ich mehr als eine Stunde. (Ein bisschen Nostalgie im Hinblick auf meine früheren Bemühungen im Unterricht ist dabei, gestehe ich mir ein.)
Nun aber studiere ich den Stadtplan. Ich will natürlich noch ins „Lottehaus“, in das bedeutendste Museum Wetzlars. Sicher finde ich es angefüllt mit allerlei Reliquien, wer hätte auch was dagegen? Aber ich hoffe doch, dass der Besucher auch Anregungen findet, über das „Hier und Heute“ nachzudenken, wie es der bemühte Lehrer eben versucht hat.
Goethe erinnerte sich später nicht mehr gern an seine Wetzlarzeit, auch nicht an seinen damaligen literarischen Erfolg. Eben habe ich einen Spruch an einer Häuserwand gelesen, der von einem Dichter Silesius stammt, der noch vor Goethe gelebt hat:
„ Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehen!
Man muss aus einem Licht in das andere gehen!“
Hat das ein kritischer Wetzlarer an sein Haus schreiben lassen, um die Werbestrategen seiner Stadt daran zu erinnern, dass man nicht nur den Rückspiegel putzen sollte, sondern auch die Frontscheibe?
Ich erhebe mich nun also, um in die Lottestraße 8 – 10 zu gehen. In freudiger Erwartung, natürlich!
Da stehe ich vor der Nummer 10 – es ist eine Ruine, aus der kräftige junge Leute Schutt herausschleppen und mit viel Schwung in einen Container werfen. Die ganze Lottestraße befindet sich wie im Nebel. Neben der Nummer 10 ist rechts die Nummer 1, das linke Haus hat gar keine Nummer. Ein Hochglanzfaltblatt, das irreführt, ist wie ein Schuss, der nach hinten losgeht. Die Männer brauche ich nicht zu fragen, die sprechen eine andere Sprache, Lotte dürfte ihnen unbekannt sein. Andere Leute sind wegen der staubigen Luft nicht zu entdecken. Etwas entfernt ist wieder ein Park. Da weist ein Schild den Weg zu einer Jugendherberge. Neben dem Schild wartet eine Frau geduldig und schon mit einer Tüte in der Hand, dass ihr Hund sein Koten beendet. Die frage ich nun, und die klärt mich auf: Das Jugendherbergsschild weist in Richtung Lottehaus, dort sind aber weder Jugendherberge noch die Nummern 8,9 und 10. Als der Hund sich aus der Hocke erhebt, will er mich schnuppernd näher kennenlernen. Diesmal hat der Hunde- und Katzenfreund aber keine Zeit für solche Annäherungen, er will ins Lottehaus! Und er findet es nun auch.
Tatsächlich, ein schöner,großer Fachwerkbau! Da ist ein Schild, nicht zu übersehen und ganz eindeutig. Es zeigt mir, wo ich Eintritt zu bezahlen habe.
Eine aufwendig angeputzte Dame hinter einem großen Kassenpult, auch nicht zu übersehen, blickt mich etwas reserviert an. Ich habe das Gefühl, dass sie am liebsten Männer im Anzug und korrekt gebundener Krawatte abkassiert und einlässt.
Zugegeben, ich bin jetzt etwas gereizt. Zugegeben, ich gehöre zu der Minderheit, die Literatur mit viel innerer Anteilnahme erlebt. Die sensibel ist, durch blöde Umstände leicht aus dem Gleichgewicht gerät und sich auch noch dazu bekennt. Aber wen erwartet man denn sonst in einem Literaturmuseum?
Ich will nicht gleich bezahlen, sondern weise erst einmal meinen Hochglanzführer vor und mache den Vorschlag, ihn bei Gelegenheit zu korrigieren. Das war unbedacht: „Bis jetzt hat noch jeder den Weg hier her gefunden, junger Mann!“
„Angeschlagen“, wie ich bin, frage ich nun noch nach einer Broschüre zum Museum. (Broschüre, keinen Prachtband!) „Da liegen sie doch, die kosten ...“
Danke, das wars! Vielleicht tue ich der Frau und ihrem Laden Unrecht, vielleicht darf man sich heutzutage auf robustere Besucher konzentrieren, die bezahlen ohne lange lästig zu fallen und genauso problemlos bald wieder abhauen.
Ich aber habe lediglich „Fersengeld“ gezahlt. (Versteht man den Ausdruck noch?) Schade, ich hatte mich auf das Museum gefreut. Ich wollte mit all den erhofften Eindrücken die Nacht unten an der Lahn verbringen. So habe ich auf dem Weg zum Auto lediglich noch den Grabstein des verzweifelten Selbstmörders  gesehen. Es wird aber darauf hingewiesen, dass man wahrscheinlich nicht ganz die richtige Stelle getroffen hat, als man einen viel später angefertigten Stein in die Erde setzte.
Ich wünsche euch weiterhin viel Freude beim Putzen des Rückspiegels ...


9. Ein kleines gastliches Camp erreiche ich nun recht spät, aber es ist noch Zeit für ein besinnliches Abendessen vor dem Auto, für ein Bier und für ein paar Seiten „Werther“.
Gleich auf den ersten Seiten gibt’s etwas zum Schmunzeln. Werther beschreibt seine Ankunft in Wetzlar: „Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen rings umher eine unaussprechliche Schönheit der Natur ...“ Gabs damals schon kurzsichtige Gästevertreiber?
Aber, man hüte sich vor Selbstgerechtigkeit. Ich finde auch eine Passage, die mich gerade heute ermahnt. Werther gibt seinem Briefpartner folgendes zu verstehen: „Ich will, lieber Freund, ich verspreche dirs, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bisschen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ichs immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein.“
Aber, wir wissen es doch, das ist dem Mann trotz allem Bemühens nicht gelungen. Und mir gelingts auch nicht immer, ich weiß.
Es wird dunkel, Zeit für eine Abendmotette: Dolly Parton, Linda Ronstett und Emmylou Harris singen leisen, gefühlvollen Country. Die Kassette stammt noch aus DDR-Zeiten. In Berlin damals  mit Glück erworben, seither sorgsam bewahrt.

10. Frankfurt war schon lange eine bedeutende Stadt, als Goethe dort ein Jahr nach der Hochzeit seiner Eltern das Licht der Welt erblickte. Seit vielen Jahrhunderten wurden dort Kaiser und Könige gekrönt. Und wohlhabende Familien lebten in  dieser Stadt. Die Goethes gehörten dazu.
Ein Bankenviertel mit glänzenden  Hochhäusern gab es  noch nicht, und schon gar nicht die Spezies der darin tätigen Geldjongleure.
Die Parlamentarier einer ersten deutschen Volksvertretung wurden auch erst nach Goethes Lebzeiten gewählt, um dann in der Frankfurter Paulskirche zu tagen. Im 2. Weltkrieg zerstört, wurde der ehrwürdige Bau bald wieder aufgebaut. Er sollte als Parlamentsgebäude einer künftigen Bundesrepublik dienen. Daraus wurde nichts.
Die Stadt hat eine bewegte Vergangenheit, ein oftmaliges Auf und Ab. Sie hat „ein Gesicht mit Narben, Unebenheiten, aber auch mit Resten einstiger Schönheit“, so beschrieb es mir ein Reiseführer, als ich mich zu Haus auf meine Streifzüge vorbereite.
Der Campingplatz liegt am Stadtrand. Ich werde mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Getümmel der Großstadt fahren. Das Camp-Büro hat Mittagspause, als ich ankomme. Ärgerlich, zu einer Siesta bin ich jetzt nicht fähig, so ungeduldig, wie ich bin. Endlich öffnet sich die Tür: „Hätten doch auch morgen am Vormittag zum Anmelden kommen können! Schöner Tag heute, fahren Sie mal gleich runter nach Sachsenhausen und trinken unseren berühmten Äppelwein!“
Davon habe ich auch gelesen, es gibt am jenseitigen Mainufer einen alten, gemütlichen Stadtteil; ein Vergnügungsviertel. (Aber dafür bin ich doch nicht hergekommen!) Der Campingchef scheint auch gemütlich zu sein. – Los geht’s!
Zur Straßenbahnhaltestelle führt ein langer Weg. Dann stehe ich vor einem Automaten, der voller Geheimnisse ist. Das Übliche im öffentlichen Verkehrswesen! Die mit mir Wartenden verweisen auf ihre Monatskartenkenntnisse und können oder wollen nicht hilfreich und gut sein. So gelange ich in den Besitz einer Fahrkarte, die teurer als nötig ist, wie ich am nächsten Tag feststellen werde. Ich nehme mir aber wieder einmal vor, es mich nicht verdrießen zu lassen.
Die Sonne scheint am Mainufer. Auf dem Uferrasen lagern Leute jeglichen Alters. Auch Bänke haben noch freie Plätze. Und da ist wieder ein gemütlicher Frankfurter, der mich zunächst zum Sitzen einlädt, um dann in Ruhe Fragen zu stellen.
„Woher?“ – Der hat erkannt, dass ich kein Einheimischer bin.Ich bleibe erst einmal unbestimmt.
„Wohin?“ – Er ahnt auch, dass ich gerade erst angekommen bin. Ich lasse mich beraten – und kann mir schon denken, was kommt: „Gehen Sie mal über diese Brücke, da sind Sie schon mitten drin, schöne Lokale mit gutem  Essen und mit unserem Äppelwein!“
„Aus Berlin?“ – Deine Freizeitsprache hat dich verraten, Herr Deutschlehrer!
Bei so viel Zuspruch muss ich ja nun über diese Brücke gehen. 120 Kneipen sollen es sein! Aber es ist klar, wenn überhaupt dafür Zeit bleibt, dann aber erst am Abschiedsabend.


Zurück geht’s über eine andere Brücke. Ich habe schon von weitem entdeckt, was mich morgen beschäftigen wird. Ich weiß jetzt Bescheid, wo es langgeht und werde keine Zeit vergeuden.
Es ist schon dunkel, als ich „zu Haus“ im Auto bin. Mitgebracht habe ich mir eine große Brezel, Frankfurter Würstchen und einen Liter Apfelwein. Whisky ist heute gestrichen, nicht aber die Abendmusik.
Chris Rea. Wer so singt und Gitarre spielt, ist ein Halbgott!
11. Schon als Schüler hatte er im Deutschunterricht davon gehört, dass der Goetheknabe ein Puppenspiel-Theater geschenkt bekommen hatte. Wölfchen, wie der behütete Junge von seiner Mutter genannt wurde, schrieb bald selbst kleine Theaterstücke, führte sie mit seiner Schwester auf und verlangte von den Nachbarskindern, wenn sie denn schon die Ehre hatten, im Hause Goethe Publikum zu sein, gebührende Aufmerksamkeit.
Als Deutschlehrer hatte er oft Laienspiel-Arbeitsgemeinschaften. Selbstverfasste Texte, bezugnehmend auf ein „greifbares“ Problem, war ein überkommenes Prinzip. Natürlich gehörten auch altersgemäß ernsthafte Auseinandersetzungen mit der dramatischen Handlung dazu, und das bedingte wie einst bei Wölfchen Disziplin bei Spielern und bei Zuschauern.
„Es gilt zwei Künste zu entwickeln: die Schauspielkunst und die Zuschaukunst!“
Das hat Bert Brecht gefordert, der seinen Goethe achtete, aber bei ihm nicht stehenblieb.
Von Brecht hat der spielfreudige Deutschlehrer dann auch viel übernommen. Kostüme, Kulissen, Musik, Requisiten, Plakate, alles wurde selbst gemacht. Der Weg bis zur Aufführung war der wichtigste Teil der gemeinsamen Arbeit.
Oft wurden Spielkleidung und Spielgegenstände nur erkennbar angedeutet. Es ging nicht darum, die Wirklichkeit „
grafisch genau“ wiederzugeben. Es ging um die Kunst, etwas wegzulassen, um es um so deutlicher darstellen zu können.
Manchmal fragte sich der Spielleiter, was wohl Goethe zu seiner Art zu spielen sagen würde. Brechts Zustimmung, glaubte er, wäre ihm sicher.
Der Schlafraum im Auto scheint in dieser Nacht zu klein. Vielleicht, weil der unruhige Schläfer sich großen, schönen Erinnerungen hingibt.
Vielleicht aber auch, weil ein Liter Apfelwein den Schluck Whisky nicht ersetzen kann.
12.  Ein schöner Morgen begrüßt mich. Ich will meine Ungeduld zähmen und in Ruhe frühstücken. Das läuft nach bewährten Regeln ab.
Ich habe einen kleinen Gaskocher „an Bord“. Abends bereite ich mir das morgendliche Kaffeewasser. In einer Thermosflasche bleibt es heiß für den Instant-Kaffee. In der ISO-Tasche sind Brot, Schinken und harte Wurst, harter Käse und etwas „Grünzeug“. Alles kann ich in kleine Stückchen schneiden und im Auto hinter dem Steuer essen, wenn es regnen sollte. Sonst aber sitze ich an einem winzig kleinen Tisch auf einem bequemen Faltstuhl und genieße meine „Häppchen“.
Amüsant ist es, die Reaktionen der interessierten Nachbarn zu beobachten. Fast immer spüre ich, dass man mich bedauert ob meiner Armseligkeit. Camper sind gesellige Leute. Geselligkeit hat hier auch etwas mit Neugier zu tun. Besonders Dauercamper haben sich oft eine „feste Burg“ gebaut, dabei aber auch an gute Aussichtspunkte gedacht. So kann man unauffällig Neuankömmlinge begutachten und  deren Auto-Nummernschilder entschlüsseln. Dafür gibt es Nachschlagewerke.
Manche fragen auch gleich, z.B.: „ HVL – heißt das Hansestadt?“ So hat man denn schon einen guten Gesprächsbeginn. Manche wissen aber auch sofort Bescheid, die sind „im Training“. Auf der Loreley empfing mich vor Jahren der Campingplatzleiter (der aussah wie Dorfrichter Adam im „zerbrochenen Krug“) hinkend und freundlich grinsend: „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland !“
Im Gespräch finden alle meine Pilgerreisen-Bescheidenheit interessant oder sogar „ganz toll“. Das heißt aber nicht, dass sie selbst auf frische Brötchen, 4-Minuten-Ei, Filterkaffee und Bild-Zeitung verzichten würden.
Genug Zeit vertrödelt, ich muss zum Goethehaus am Hirschgraben! Es ist leicht zu finden, kein Schild und kein Stadtplan nasführt mich.
Tatsächlich, das Haus sieht so aus, wie ich es jahrzehntelang im Unterricht geschildert habe: Die Stockwerke ragen stufenförmig nach vorn in die Straße. Ein Zeichen der „quetschenden Enge“ alter Städte, die wegen der sie umgebenden Mauern nur schwerlich wachsen konnten.
Aber was für ein charakterloses Umfeld! Wie kann man einem der ehrwürdigsten Häuser der Welt ( ich jedenfalls sehe es als ein  solches an) eine solch nichtswürdige Umgebung zumuten!
Schnell trete ich ein. Der geräumige Flur hat schon Möbel, denen man ein behagliches Wohnen ansieht. Wie zu erwarten war herrscht Andrang. Die Besucher verbreiten Hektik, das Museumspersonal aber strahlt ein „Willkommen“ aus. (In Weimar wird man von Goethes „Salve“ begrüßt.)
Gruppen werden wartenden Führern zugeteilt. Ich gerate in eine Schulklasse. „Berufskrankheit“: Ich versuche zu schätzen und entscheide mich für Fachoberschüler, 11. Klasse. Der Lehrer ist mehr angepasst als richtungsweisend, er hätte ohnehin keine andere Wahl, wie bald deutlich wird.
Als Einzelbesucher habe ich die Freiheit, mich selbständig umzusehen. Das mache ich auch, kehre aber dann zu meiner vermeintlichen FOS-Truppe zurück – wegen des Führers.
Eindrucksvoll erklärt er die Räume, verweist auf originale und auf später für das Museum angeschaffte Möbel, gibt Hinweise zu den zahlreichen Bildern, fordert im oberen Stockwerk auf, aus dem Fenster zu sehen, wie Goethe es getan und beschrieben hat – und, ich habe darauf jetzt gewartet und werde nicht enttäuscht, dann kommt das dazugehörige Goethezitat – professionell vorgetragen.
Als Goethes Vater starb, waren Sohn und Tochter längst „aus dem Haus“ und lebten weit entfernt. So musste die Witwe das große Anwesen mit dem meisten Inventar verkaufen. Niemand dachte damals schon daran, ein Literaturmuseum von Weltgeltung zu errichten. (Auch Goethe selbst natürlich nicht.) Entsprechend schwierig gestaltete sich das dann später. Bewundernswert, wie es gelungen ist.
Mein Museumsführer arbeitet unverzagt. Wir werden aufgeklärt über original knarrende Treppen und über nachträglich eingebauten Komfort. Ganz oben war das Domizil des Wetzlar-Flüchtlings. Da ist das Stehpult, auf dem der „Werther“ geschrieben wurde!  Es ist verbürgt original. Da lasse ich die Truppe schon mal weitergehen und lege verstohlen meine Hände auf die Platte. (Die deutsche Sprache ist wunderschön bildhaft; das Wort „begreifen“ ist ein Beispiel dafür.)
Das Haus ist groß. Zu groß für eine 11. Klasse. Der Lehrer muss trösten: „Ihr habts ja bald geschafft!“
Im Studium hatte ich einen Dozenten, der mich tief beeindruckt und der mir viel mitgegeben hat. Er hatte keine Scheu, Probleme anzusprechen, die offiziell gar nicht existierten. „Wenn ihr auch nur einen Schüler vor euch zu sitzen habt, der an euren Lippen hängt, und glaubt mir, ihr merkt das bei allem Frust über die vielen desinteressierten Schlaffis, - dann denkt daran, eure Anstrengung, gut zu
unterrichten, lohnt sich!“
„ ... ihr merkt das!“ – Der Mann hält sein Niveau. Interessante Zeitbezüge, Denkanstöße; in einer Sprache, die dem Ort und der verehrten ehemaligen Bewohner würdig ist.
Da ist das Puppentheater! Mit hoher Wahrscheinlichkeit original, wenn auch später etwas verändert. Der Mann verweist mit wohlüberlegten Worten auf den Wert einer sinnerfüllten kindlichen Beschäftigung.
Faszinierend, ein Museumspädagoge, „wie er im Buche steht“. Und, ich komme nicht umhin, das jetzt zu denken, wie es ihn bald nicht mehr geben wird. Ich muss unbedingt mit dem Mann sprechen, wenn nicht anders möglich, werde  ich ihn zum Feierabend nach Sachsenhausen einladen!
„Was war das für eine Truppe?“ „Gymnasium, 11. Klasse.“
„Und gleich die nächste Führung?“  „Nein, jetzt habe ich nur Aufsicht oben in der Bildergalerie, kommen Sie doch mit rauf!“
Klar, er hat gemerkt, dass zumindest einer an seinen Lippen hing, und er freut sich auch auf ein Gespräch mit mir.
„Wissen Sie, ich habe das Rentenalter fast erreicht, ich freu mich drauf. Ich habe hier immer gern gearbeitet, und ich war auch immer richtig stolz darauf, hier zu arbeiten, aber ...“   Fast hätte ich geantwortet: „ Das Gefühl kenn ich, Bruder!“
Sich auf Amerikanismen umzuprogrammieren, sagt er, überlässt er denen, die noch weitermachen müssen. Ich frage ihn, ob er Storms „Pole Poppenspäler“ kennt.
Natürlich kennt er die Erzählung, in der ein Mann, der sein Leben lang den Kindern mit seiner Puppenbühne Freude gebracht hat, im Alter – auch von Kindern – grausam belehrt wird, dass seine Zeit abgelaufen ist.
Wir beiden Alten missachten  Werthers Vorsatz und käuen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, nun doch wieder.
„Ich sehe schon von meiner Pförtnerloge, wenn die Tür aufgeht und eine bayrische Schülergruppe reinkommt!“
Das ist DAS pädagogische Problem unserer Tage in Deutschland. Es ist ungelöst und wird es,  befürchte ich, noch lange bleiben. Die Schulbildung in Bayern ist weit-gehend fast immer  allen anderen in Deutschland überlegen. Das hat seinen  Preis: Es wird frühzeitig selektiert und mit den Auserlesenen gut trainiert. Der Erfolg gibt den konservativen Bildungspolitikern Recht. Die Frage „Und was geschieht mit all den anderen?“ wird dort (vorerst) nicht allzu laut gestellt.
„Lerne zeitig klüger sein ... du musst Amboss oder Hammer sein ...“
Goethe bekam Privatlehrer, dafür hat der Vater gesorgt. Der Unterricht fand zu Haus unter seiner Aufsicht statt. Schon im „Grundschulalter“ war der „Lehrplan“ umfangreich. Latein und Griechisch unterrichtete der Prorector, Hebräisch der Rector des städtischen Gymnasiums. „Gewöhnliche Fächer“, auch Englisch, unterrichtete der Vater in den ersten Jahren selbst.
Im Haus gab es eine Privatbibliothek, die in der Stadt kaum ihresgleichen hatte. Nützliche Tätigkeit war jederzeit angesagt. Müßiggang wurde zutiefst verachtet und auch bestraft.
Goethe hat später einmal in ein Stammbuch geschrieben:
„ Der Mensch kann Unmögliches leisten, wenn er die Zeit zu nutzen versteht.“
Aber wir wissen ja auch, dass er zumindest in Wetzlar aus dem Joch des ständigen Lernens ausbrach. Eine Freundin des Hauses (Bettina Brentano) hat uns Interna über das umsorgte Kind im Haus am Hirschgraben hinterlassen.
Die Mutter erzählte ihrem Wölfchen oft nur „halbe Geschichten“. Er sollte sich Gedanken über den Fortgang der Handlung machen. Bettina erfuhr von der Mutter:
„ Da saß ich, und da verschlang er mich bald mit seinen großen schwarzen Augen ... da sah ich, wie die Zornader an der Stirn schwoll und wie er die Tränen verbiss ... –Nicht wahr, Mutter, die Prinzessin heiratet nicht den verdammten Schneider, wenn er auch den Riesen totschlägt?-  Wenn ich dann am nächsten Abend die Schicksalsfäden nach seiner Angabe weiter lenkte und sagte: Du hasts erraten, so ists gekommen – da war er Feuer und Flamme, und man konnte sein Herzchen unter der Halskrause schlagen sehen.“
Elitäre Bildung und die Folgen ...
Mein Gesprächspartner, der Museumsmann, verweist mich auf einen aktuellen Aspekt dieser Problematik. Er ist Frankfurter, Hesse, politisch denkender Wähler ...
In Hessen ist der konservativen Partei auch wegen der Schulpolitik die Mehrheit der Wählerstimmen abhanden gekommen. Die politischen Gegner prangerten die fehlende Chancengleichheit an. Die Konservativen wollten weiterhin in Bayern das Vorbild sehen.
„Die meisten Eltern wollen nicht so viel Anstrengung in der Schule, na und die Kinder schon gar nicht. Die glauben wie der Zauberlehrling bei Goethe, dass sie am besten  alleine klarkommen. Und wenn der Schlendrian einmal da ist, wird man ihn nicht mehr los!“
Schließlich verabschieden wir uns herzlich. Er hat Feierabend, ich habe noch viel vor. Auf dem Weg zu neuen Zielen schleppe ich das leidige Thema noch eine Weile mit.
Die Mehrheit der Deutschen unterstützt die frühzeitige Selektion im Bereich der Bildung nicht. Im Sport oder im Intrumentalunterricht jedoch herrscht Einigkeit: Hier ist sie unabdingbar: Was in frühen Jahren versäumt wird, ist später kaum nachzuholen.
Die Zahl der Privatschulen wächst unaufhaltsam. Eine Minderheit ist bereit, für eine frühzeitige Selektion Opfer zu bringen.
„Lerne zeitig klüger sein ...“
13. Richtig kaputt bin ich am Abend. Ich habe Frankfurt von oben betrachtet. Einer der „Wolkenkratzer“ hat eine Aussichtsplattform. Da sieht man den Dom, die Paulskirche, den Römer mit dem Balkon, auf dem sich schon so viele Berühmtheiten dem jubelnden Volk gezeigt haben – sogar Fußballweltmeister!
Inseln von altehrwürdiger Schönheit inmitten einer Stadt, die dank einer ungezügelten Spekulanten-Bauwut auch neuzeitliche Hässlichkeit hinnehmen musste. Dabei will ich nicht die bekannten Hochhäuser verdammen, die sehe ich als einen   vielleicht  sogar gelungenen Kontrast an.
Von oben betrachtet, von unten aufgesucht und ausführlich kennengelernt. Ein mächtiges Tagespensum. (Ich weiß, ich gehöre zu einer Minderheit, viele wollen gar nicht so viel auf einmal!)
Beinahe mit letzter Kraft schleppe ich mich in der beginnenden Dämmerung von der Haltestelle zum Camp. Das Abendmahl findet schon im Auto statt. Dann heißt es: Willkommen Achim Reichel! Dieser Altrocker hat schon vor Jahren klassische Balladen mit Blick auf heutige Hörgewohnheiten vertont, und er singt sie mit seiner unverwechselbaren Stimme.
„Wer reitet so spät ...“
„Hat der alte Hexenmeister ...“
Das ist und bleibt mein alter Goethe, aber er spricht dank Reichel auch heute noch viele an. In meinen  Deutschlehrerjahren habe ich das in der Praxis erprobt. Altes Kulturgut muss zeitgemäß interpretiert werden, wenn es auf junge Menschen wirken soll.
Den letzten Titel, er ist nicht von Goethe, höre ich schon im Halbschlaf.
„ Im schwarzen Walfisch zu Askalon, da trank ein Mann drei Tag,
bis er steif wie ein Besenstiel am Marmortische lag.“
Morgen will ich nach Sachsenhausen zu den 120 Kneipen!
14. Er hat so viel heute erlebt, dass ihm noch im Schlaf „der Kopf schwirrt“. Eine Kneipe, besser gesagt eine Speisegaststätte hatte er schon am Mittag aufgesucht. Das mitgenommene Obst war doch zu gering für all die Wege, die er sich vorgenommen hatte. Das Wetter war angenehm, Tische und Stühle standen draußen auf dem Gehweg. Diese Art Gastlichkeit ist ja absolut „in“.
So setzte er sich ebenfalls, bestellte ein mittleres Mahl – und aß hastig und ohne Freude. Nicht nur, dass er mit der Tageszeit geizte, viel mehr  wurde er angetrieben, weil er es als Zumutung empfinden musste, da zu sitzen. Da krachte wenige Meter entfernt der Autoverkehr, Baufahrzeuge bremsten unwillig vor der Ampel und fuhren dann mit aller Kraft eilig weiter. Fußgänger schlängelten sich mit greinenden Kindern, mit Taschen, Rucksäcken und Hunden an den Tischen vorbei; sogar Radfahrer fanden gangschaltend den kürzesten Weg an den Tischreihen entlang. Dabei stand alles auf engstem Raum, Hinsetzen und Aufstehen gelang nur unter Mitwirkung der Nachbarn.
Und ringsum saßen, das erschien ihm surreal, vornehmlich Herren in dunklen Anzügen mit angestrengt zur Schau gestellter Seriösität und verzehrten teure Mahlzeiten. – Immerhin war man in der Nähe des Bankenviertels!
Wie anders geht es doch auf Campingplätzen zu! Manche Dauercamper legen sich hohe Hecken an oder bauen sich einen Zeltplan-Sichtschutz, um von den nebenan friedlich äsenden Mitmenschen nicht gestört zu werden.
Dem Schlafenden, dem das „Abschalten“ nicht   gelingen wollte, erschien die Welt recht wunderlich.
15. Ein paar „Erledigungen“ in der Stadt bleiben mir noch für den Vormittag. Da ist der Kaisersaal im Römer, dem gewaltigen Rathaus. Auch das lange Zeit höchste Gebäude Europas, der Messeturm, soll noch von Nahem betrachtet werden. Der Rhein-Main-Flughafen, Europas Luftkreuz, liegt am Stadtrand. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass ich schon zum Mittag ins Vergnügungsviertel gehen werde. Da wird es zu dieser Zeit sicher noch ruhig zugehen.Keine Gefahr also, dass ich  an einem Marmortisch zu liegen komme.
Wo gibt es das noch einmal? Der Römer, das historische Rathaus, besteht aus acht einzelnen, prachtvollen Bürgerbauten. Das Herzstück ist der Kaisersaal. Hier wurden die im Dom Gekrönten von den mächtigen Bürgern der Freien Reichsstadt empfangen. Da benötigte man auch einen repräsentativen Balkon, von dem man auf das Volk herabschauen konnte, dem man zur Feier das Tages einen Ochsen am Spieß schenkte.
Vielleicht haben die bürgerlichen Hausherren, wenn sie die adligen Landesherren hier oben üppig bewirteten, schon  vorausgesehen, dass die zukünftige Macht, wenn nicht absolut, so doch weitgehend ihnen zufallen würde.
Den Kaisersaal betrete ich für ein geringes Entgeld voller Ehrfurcht – vor der deutschen Geschichte. Alle Herrscher sind hier porträtiert, die jemals in deutschen Landen ihr Zepter schwangen. Der Zutritt zum Balkon allerdings blieb mir verwehrt. Man befürchtete wohl,  dass die zahlreichen Touristen unten auf dem Platz in Jubel ausbrechen würden, wenn sie meiner ansichtig geworden wären.
Seit über 800 Jahren gibt es in Frankfurt Messen. Das heutige Gelände ist größer als ein gewöhnlicher Stadtteil. So ist auch der Riesenturm sinnfällig, der im Verein mit den anderen schön glänzenden Monstren die Mächtigkeit des Kapitels demonstriert.
Nicht gerade meine Welt, denke ich, weiß aber auch, dass ich nicht hier wäre, wenns anders wäre. 
Goethe sagte einmal über seine Heimatstadt: „Frankfurt steckt voller Merkwürdigkeiten“ Das gilt bis heute. Diese stolze Stadt wollte gern Hauptstadt werden. Aber weder  Machtzentrale für ganz Deutschland noch für das Bundesland Hessen ist sie geworden. Statt dessen trägt sie die Würde und die Last, Mittelpunkt Europas zu sein, was die Luftfahrt angeht.
Aber nun hinein ins (mittägliche) Vergnügen! Hier ist es volkstümlich bieder, und mein erstes Ziel ist die Klappergasse. Schöne alte kleine Häuser sehe ich. Manche haben ihre Pforten zu den Gaststuben schon geöffnet, es gibt sogar schon gemütliche Türsteher, die mich hineinlocken wollen. (Habt ihr auch einen Marmortisch?) Ich habe jetzt aber eine Verabredung mit einer Marktfrau – aus Erz, die heimtückisch die Passanten bespuckt. Die Pfütze auf dem Straßenpflaster verrät, wohin sie zielt, und wenn man die Sekunden von einer Attacke zur anderen zählt, weiß man auch, wie sie tickt. So gelingt es mir, im richtigen Moment aufs Fotoknöpfchen  zu drücken.
Eine andere berühmte Ecke im Äppelweinviertel ist das Affentor. Da musste ich die noch unbeschäftigten Kellner enttäuschen, weil mir gepökelte Rippchen auf Kraut und ein Schoppen „Rauscher“ genug waren.
Bis zum „Frankfurt International“ sind es mit der S-Bahn nur wenige Minuten.Dort ist alles geradezu endlos. Ich will zu der spektakulären Aussichtsplattform. Der Weg führt durch unübersehbare Menschenmassen. Auch hier wird am Eingang durchleuchtet und abgetastet.
Unübersehbar! Das ist der richtige Ausdruck. Mehrere Start- und Landebahnen, ein ständiges Abheben und Aufsetzen, Ein- und Ausladen, Betreten und Verlassen der Maschinen. Rätselhaft, wie das geordnet abläuft!
Bei all dem Staunen weiß ich natürlich, dass das Ganze permanent erweiterungsbedürftig ist. Das jedenfalls behaupten die, die im Innen- und Außenhandel, im Waren-und Kapitalstrom das Geld verdienen, das unseren immerhin noch überdurchschnittlichen Wohlstand sichert. Unheimlich ist das, und natürlich auch umstritten.
Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein ...
Es gibt Bänke auf der Terrasse. Ich bleibe andächtig mehrere Stunden. In einen Apfel muss ich wegen meiner auch nicht mehr jugendlichen Zähne vorsichtig beißen, weil ich das kleine hilfreiche Taschenmesser am Eingang deponiert habe. Alle, die mit mir hier oben sind, Menschen aus allen Erdteilen, scheinen  friedfertig zu sein. Unwillkürlich schaut man immer mal wieder in die Gesichter. Grenzenlose Freiheit ...
Eine glatte Stirn (ohne Sorgen) deutet auf Unempfindlichkeit oder Naivität – hat Brecht einmal gesagt.
Die Umgebung von Frankfurt wurde auch schon mal in einem Prospekt „Landschaft mit Goldrand“ genannt. Im Osten der Spessart, im Süden der Odenwald, im Westen das Rheinland und im Norden das Taunusgebirge. Ein wenig davon erahne ich am Horizont von meiner Warte aus.
Ich könnte Wochen in dieser Gegend verbringen, das wäre ein Traum. Realität ist, dass ich morgen über die Hochtaunusstraße zum 888 m hohen Großen Feldberg fahren und dort evtl. nächtigen will, um dann anschließend direkt vor Mainz auf einer Rheininsel einen schönen kleinen Campingplatz zu beziehen. Das soll mein „Basislager“ für 2 – 3 Tage werden.
Für mich ist die Freiheit auch unter den Wolken grenzenlos!
16. Dem Glücklichen ist jeder Tag ein Fest! Aber heute ist Pfingstsonntag, wir haben schönes Wetter, und das lockt Groß und Klein, Jung und Alt auf die Hochtaunusstraße. Ich würde gern beschaulich fahren, aber die anderen mögen das nicht. Viele verfügen  über weniger Freizeit und hetzen nun irgendwelchen Zielen zu. Manche wollen wohl auch gerade wegen der Kurven rasen. Motorradfahrer überholen mich wie Geschosse, manche mit menschenverachtender Läutstärke.
Bis dato bin ich noch einigermaßen nervenstark als Autofahrer. Aber wie lange dauerts noch, dann muss ich solche Straßen meiden, wenn Geschwindigkeits-Junkies unterwegs sind ?!
Ich bin in einem Zwiespalt, ich habe auch Sympathie für die Biker. Wenn ich anders gestrickt wäre, empfände ich sogar Neid. Als junger Mann war ein 250. Motorrad mein eigen. Das wurde geliebt und manchmal auch erbarmungslos mit Gas gefüttert. Dass ich damals allein und ohne Gegenwind nicht schneller als 120 km/h sein konnte, war ein technisches Problem, kein Ausdruck meiner Vernunft. – Also, Alter, gönn denen, die 1000 und mehr Kubik unter dem Arsch haben, ihre rasende Leidenschaft und wünsch ihnen Glück auf allen ihren Wegen!
17. “Ich möchte eine Nacht bei Ihnen schlafen!“ Übermütig, vielleicht sogar anmaßend melde ich mich auf einem kleinen Campingplatz bei der Frau im Büro. Ich war ganz oben im Taunus, bin gewandert und habe herrliche Aussichten genossen, wie es sich zu Pfingsten ja anbietet, es war ein schöner Tag.
Die Frau, die ich da so unfeiertagsmäßig anmache, ist nicht mehr jung, aber natürlich noch nicht so alt wie ich. Das ist mir so „rausgerutscht“, tut mir schon wieder leid. Alter, benimm dich, du bist doch kein Rocker!
Aber die solchermaßen Herausgeforderte reagiert kool: „Bei mir? Schlafen Sie lieber auf dem Platz, das ist billiger!“ – Sie lacht nicht richtig, aber sie sieht mich spöttisch und abschätzend an.
„War nicht böse gemeint!“ – „Wieso böse, versuchen kann mans ja!“Mein lieber Mann! Andererseits – hierher kommen auch die rasenden Wildsäue auf ihren Feuerstühlen, die muss mit ganz anderen Typen fertig werden.
Noch spöttischer: „Ganz allein?“ – „Heute ja!“ – So, alles geklärt!
Ich kann mir einen Platz aussuchen, bleib in  der Nähe des Waschraums, nein, Brötchen brauche ich morgen nicht, möchte aber gleich bezahlen, will früh wieder weiter.
„Na denn Gute Nacht!“  Das klingt nicht mehr spöttisch, eher kameradschaftlich. Jetzt lacht sie mich sogar an. Sie hat schadhafte Zähne.
Muss zu Pfingsten arbeiten, muss sich Mühe geben, den Leuten freundlich zu begegnen, die es besser haben als sie, muss wahrscheinlich mit einem zu kleinen Gehalt auskommen.
Mein „Gute Nacht und alles Gute“ klingt hoffentlich achtungsvoll, so wie es gemeint ist.
18. Auch in Mainz muss ich mich bescheiden. Die Stadt hat so viel zu bieten, ich kann nur auswählen. Von meinem Platz im Camp habe ich einen freien Blick auf Fluss und Stadt. Der Weg über die Brücke ins Zentrum ist lang; zügig laufend schafft mans in einer Stunde.
Drüben am Ufer ist Volksfest. Pfingstmontag!
Der romanische Dom ist das Wahrzeichen der Stadt .Ich will eigentlich nur reinsehen, durchgehen. Aber hier findet gleich ein großer (katholischer) Festgottesdienst mit viel Kirchen- und Landesprominenz statt. Ich setze mich. Nach mir kommen noch viele, nicht alle finden in dem gewaltigen Gebäude noch einen Sitzplatz. Die ganze Stadt scheint anwesend zu sein.
Ein tausendjähriger Dom, oftmals zerstört, verfallen, wiedererrichtet. Eine allgewaltige Orgel, vertraute Choräle und moderne Kirchenmusik.  So viele tief ergriffene Menschen! Traditionsbewusst, aber doch wohl auch mitten im Heute stehend. Das Heute ist nicht immer leicht zu bewältigen, ist  disharmonisch wie moderne Kirchenmusik manchmal auch. Wie gut, wenn  man sich dennoch geborgen fühlen kann.
Als Kind habe ich gelernt, wo meine sittlichen Wurzeln sind. Dass es gut ist, wenn mich diese Wurzeln versorgen.
Damals hatten alle Kinder Religionsunterricht. Den gab es schon nicht mehr in der Schulzeit, sondern nachmittags in kirchlichen Gebäuden und unter schwierigen Bedingungen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit standen allzuoft nur Menschen mit gutem Willen, aber ohne fundiertes Wissen als Lehrer zur Verfügung. Das war ein Mangel. Kinder merken das. Dennoch, Religionsunterricht, sagt meine Lebenserfahrung, ist unverzichtbar. Aber er muss zeitgemäß sein.
Wolf Biermann (gewiss kein Kirchenmann!) hat mal gesagt:
„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu!“
Was wäre von dem Dom, in dem ich sitze, in unserer Zeit noch übrig, wenn er nicht immer wieder verantwortungsvoll erneuert worden wäre. Verändert hat man ihn auch, aber seine Identität ist bewahrt worden.
Nach 1990 habe ich mir von mehreren Bundesländern Schulbücher zum Religions-unterricht beschafft und gesehen, dass es viele gute Möglichkeiten gibt, in unserer Zeit eindringlich zu lehren, dass Stamm, Äste und Blätter nur leben, weil es (unsichtbare) Wurzeln gibt. Und dass ein Baum Wind und Wetter standhalten kann, wenn er gute, starke Wurzeln hat.
Nach 1990 habe ich auch in verschiedenen Schulen der alten Bundesländer im Religionsunterricht hospitiert, und da saßen nicht wenige Kinder im Raum, denen man ansah, dass ihre Eltern oder Großeltern von weit her gekommen sind.
Heute gilt mehr denn je für uns:  Es gibt nicht nur eine „alleinseligmachende“ Religion (Grundüberzeugung, Lebensweisheit). Das hat der Christ Lessing schon gewusst, der diese seine Erkenntnis  auch seinem jüdischen Freund Mendelssohn zu verdanken hatte.
Religionen können zu wahrer Menschlichkeit anleiten. Unterschiedliche Religionen weisen nur unterschiedliche Wege. Jeder hat das Recht, den ihm gemäßen Weg zu gehen, aber :
„Es strebe von euch jeder um die Wette ... mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit inniger Ergebenheit in Gott ...“
Gemeint ist: innige Ergebenheit in seinen Gott ...
Von dem weisen Peter Scholl-Latour habe ich erfahren, was ein gläubiger Moslem über einen religionslosen Menschen denkt: Ein Mensch ohne Religion gleicht einem Tier, er lebt ohne Sinn und Verstand.
Gläubige Moslems verachten viele von uns deshalb ... das ist ein Tabu-Thema!
Und das ist unser Problem: Über Religion zu reden ist heute kompliziert. Mit kindlicher Glaubensvorstellung kommen wir nicht mehr weit, auch bei Kindern nicht. Wir sind ja trotz aller PISA-Demütigung immer noch eine gebildete Nation.
Was ist Religion für einen  mit viel Wissen beladenen Menschen, der evtl. argumentiert: Wurzeln sind unsichtbar, o.k., aber sie existieren real, niemand kann sie leugnen, sie können ja auch ganz einfach sichtbar gemacht werden.
Goethe hat darauf schon 1783 geantwortet!
Das Göttliche  
... Heil den unbekannten                                             Der edle Mensch
höheren Wesen,                                                          sei hilfreich und gut!
die wir ahnen!                                                            Unermüdet schaff er
Ihnen gleiche der Mensch;                                          das Nützliche, Rechte,
sein Beispiel lehr uns                                                   sei uns ein Vorbild
jene glauben ...                                                            jener geahnten Wesen!
Als Lehrer würde ich jetzt sagen: Also nochmal! Der edle Mensch soll ein Vorbild sein für unsere Vorstellung von Gott, vom Göttlichen.
Ich würde versuchen, deutlich zu machen, dass viel Bildung, Wissen nötig ist, um heute über Religion nachzudenken.
Ein Loch buddeln, Wurzeln ausgraben, sie besehen und anfassen ... wenns so einfach wäre ...
Das Gutenbergmuseum ist weltberühmt. Es ist am Feiertag geschlossen. So sehe ich es mir nur von außen an. Wie eine Festung kommt es mir vor. Da sind wertvolle Exponate drin; unter anderem zwei Gutenberg-Bibeln, also die ältesten gedruckten Bücher der Welt. Aber etwas einladender hätte ich es mir doch gewünscht. Fehlt nur noch die Zugbrücke!
Schräg gegenüber steht ein alter Turm, darinnen findet sich eine Gemäldeausstellung. Die Malerin selbst ist anwesend, sie sorgt dafür, dass ich auch am Pfingstmontag ihre Werke betrachten kann. Und sie freut sich, weil ich laut lache. Was für skurrile Bilder!  Wir kommen ins Gespräch und sind uns schnell einig: Heiter sei die Kunst, das Leben ist es ja nicht immer! Aber auch Heiteres kann tiefen Sinn vermitteln!
Viel Zeit bleibt uns nicht, es ist schon später Nachmittag. Ich bekomme „zum Trost“ ein paar Postkartenbilder geschenkt und verspreche, von zu Hause ein paar Zeilen für das Besucherbuch zu schreiben.
Sehr geehrte Frau Gerdes!
Nach vierzehntägiger Pilgertour bin ich nun mit neuen Eindrücken reich beladen nach Hause zurückgekehrt. Es war ein Glücksfall, dass ich „kurz vor Toresschluss“ noch Ihre Ausstellung sehen konnte. Am Abend betrachtete ich die Bilder, die Sie mir verehrt hatten – und musste mich fragen: Hatte die Künstlerin hellseherisch an mich gedacht, als sie den „Sprinterhahn“ schuf?  Ich durcheile vielfältige Kulturlandschaften rückwärtsschauend (Lessing, Goethe, Adenauer), habe weit geöffnete Augen dabei, bin angespannt und etwas zerzaust ... nur die Schuhe sind nicht ganz zutreffend. Ich benötige für meine Erkundungsmärsche eine sportlichere Ausführung mit gutem Fußbett ...
Am Abend sehe ich mir noch das alte Schloss, das Rheinufer und die Bauten der Landesregierung an. Im Gegensatz zu Frankfurt wirkt alles harmonisch aufeinander abgestimmt. Hier kann man sich überall wohlfühlen.
Für heute soll es genug sein. Ich habe noch den langen Heimweg, und ich spüre die gestrige Bergwanderung in den Beinen.
Morgen werde ich zwei weitere großartige Mainzer Sehenswürdigkeiten kennenlernen!
19. Er ist so müde und kann doch nicht richtig schlafen. Es sind spätabendliche Lustbarkeiten in direkter Nähe, die ihn belästigen. Da haben sich zwei Familien zu einem Würfelabend zusammengesetzt. Ununterbrochen knallen die Würfel auf den Tisch. Oft folgen Freudenschreie, Stöhnen oder schadenfrohes Gelächter. Manchmal auch alles zusammen. Verrückt: Wenn man angestrengt weghören will, hört mans besonders eindringlich!
Es kommt zum Glück selten vor, dass auf Campingplätzen rücksichtslos Lärm gemacht wird. Vielleicht ist es da drüben auch gar nicht so ganz schlimm, vielleicht ist es nur wieder mal das „Werthersche Gemüt“, das zu sensibel reagiert.
Da war der Tag angefüllt mit erhebenden Erlebnissen in dieser schönen Stadt. Die Orgelmusik klingt noch nach. Deshalb hat er  heute abend auch keine CD eingelegt.
Und nun dieses geistlose Stakkato! Dieses vorsündflutliche Hosianna, wenn die beinernen Würfel gut gefallen sind und Glück verheißen.
Neandertaler! Haben die zu Pfingsten nichts Besseres zu tun? Waren die heute in der Stadt, hatten die heute überhaupt irgend einen vernünftigen Gedanken im Kopf?
„Trinkt ihr Augen, was die Wimper hält
von dem goldenen Überfluss der Welt!“
Das hat mal Gottfried Keller gesagt. Und die würfeln!
Es ist noch nicht richtig hell, als er unausgeschlafen aufsteht. Da drüben leuchtet die Stadt in den ersten Sonnenstrahlen. Goldener Überfluss!
Noch ziemlich benommen stellt er fest:
1. Jetzt schlafen die Rabauken.
2. Jeder unterliegt der Gefahr, intolerant zu sein.
20.  Auf einem Berg in der Altstadt steht die ebenfalls tausendjährige Kirche
St. Stephan. Nach dem 2. Weltkrieg war sie völlig zerstört und wurde  neu errichtet.
Marc Chagall ist fast 100 Jahre alt geworden. Dieser einzigartige Künstler wurde als Jude in Russland geboren, musste also auch seine Heimat verlassen. Er schuf Bildwerke mit russischen und jüdischen Elementen in aller Welt.
Fast 90 Jahre war er alt, als er, nun in Frankreich lebend, gefragt wurde, ob er für die Mainzer Kirche Fenster zu gestalten bereit wäre.
In intensiver geistiger Auseinandersetzung entstanden so Grundideen für die zu schaffenden Fensterbilder:
Geschehnisse aus dem Alten und Neuen Testament sollten sichtbar werden als Zeichen  der Verbundenheit des jüdischen und des christlichen Glaubens.
Die göttliche Schöpfung, unsere Welt, sollte als Vermächtnis für die Menschheit erlebbar werden.
Der Mann aus Frankreich gestaltete in einer Stadt am ehemaligen „Schicksalsfluss“ Rhein Kirchenfenster für die Menschen in Deutschland.
1978, Chagall war 91 Jahre alt, wurden die Mittelfenster eingebaut.1984 kamen die Seitenfenster dazu. Der Künstler hatte sie nicht nur entworfen, er bemalte das Glas auch in einer speziellen Technik selbst. Eine ungeheure Arbeitsleistung in seinem hohen Alter. Wenige Monate nach der Vollendung dieses Projekts starb er.
Schon zu seinen Lebzeiten wurde Marc Chagall zu den bedeutendsten Künstlern gezählt, die die Menschheit hervorgebracht hat. Jetzt kommen jährlich an die 200000 Touristen, um in Mainz seine Fenster zu sehen.
Ich betrete die Kirche schwer atmend. Der Berg ist steil, auf dem sie steht. (Der Weg zu neuen Erkenntnissen ist es auch oft.) Der ganze gewaltige Raum ist von himmelblauem Licht durchflutet. Diese Farbe dominiert in vielen Abstufungen die großen Fenster.
Es sind mehr als hundert Besucher anwesend. Sie sitzen verteilt in den Bankreihen. Ungewöhnliche Ruhe herrscht, alle sehen ergriffen in himmlische Sphären. Das macht die Kunst Chagalls aus: Nichts ist „erdenschwer“; alles ist beschwingt wie Musik. Alles ist auch in himmlischem Licht miteinander verbunden und doch frei schwebend.
Kirchenfenster haben eigene ästhetische Gesetze. Oft sind sie sehr hoch und wirken deshalb schmal; immer sind sie von Streben durchzogen. Der Dichter Rainer Maria Rilke sagte dazu, es sei, als würde man durch Äste und Zweige eines Baums in den Himmel schauen.
Kirchenfenster sind schwer zu fotografieren.
Alle Darstellungen in den Fenstern stehen zueinander in Beziehung, sind aber nicht chronologisch aneinander gereiht. Ich erkenne in der Mitte Adam und Eva, Moses mit den Gesetzestafeln, einen Altar mit Kelch, in dem ein Leuchter zu sehen ist; Symbol für das Opfer des Gottessohnes.
Manches erinnert mich an die Fenster im Chorraum unserer St.-Marien-Andreas-Kirche in Rathenow. Das macht mich ziemlich stolz. Vielleicht ist das eine harmlose Anwandlung von Lokalpatriotismus. Es war ja auch die Intention unseres Rathenower Künstlers Gerhard Henschel, in phantasievoller und zeitgemäßer Weise heutigen Menschen christliche Botschaften zu vermitteln.
Nicht im mittleren, sondern im ersten rechten Seitenfenster finden sich Lebens- und Leidensstationen des Jesus Christus. Und darunter ist David und ein symbolhafter Sabbatleuchter positioniert.
Vieles in  den gewaltigen Fenstern ist erst zu erfassen, wenn man sich eine Broschüre kauft und damit mehrfach den Sitzplatz wechselt. Das tue ich wie viele andere auch und vergessen dabei „Zeit und Raum“.
Aus der Broschüre erfahre ich auch, dass anfangs finanzielle Mittel vom Bund, vom Land und von der Stadt, darüber hinaus  von Betrieben und Institutionen und letztlich auch von allen großen deutschen Banken geflossen sind.
Als diese Geldströme dann versiegten, hat der greise Künstler für die letzten Bilder auf jegliches Honorar verzichtet.  Diese Geschichte der Finanzierung dürfte auch einmalig sein.
Zum weitläufigen Kirchengelände gehört auch ein Park, der einen schönen Blick auf die Stadt Mainz gewährt. Hier wird deutlich: Christliches Denken und Handeln bedarf des Blickes „nach oben“ und des Blickes „nach unten“.
21.  Ein Ziel, auf das ich keinesfalls verzichten will, bevor ich Mainz verlasse, bleibt mir noch: Das Museum für Antike Schiffahrt.
Die alten Römer verfügten über Handels- und Kriegsschiffe. Damit fuhren sie auf (unregulierten) Flüssen und auf  (unberechenbaren) Meeren. Es wurde gerudert und gesegelt.
Lange war man auf Abbildungen angewiesen, wenn man sich vorstellen wollte, wie diese Schiffe gebaut waren. Dann fand man auf dem Meeresgrund oder in ehemaligen Hafenbecken Reste aus damaliger Zeit. Mainz hatte da besonderes Glück. Der Schlamm des antiken Rheinhafens hat vieles konserviert. So bekam man sensationelle Funde für ein spezielles Museum. Nun konnte man aber auch originalgetreu ganze Schiffe nachbauen.
Nur durch Glasscheiben getrennt ist das Museum von der Werkstatt, wo Menschen unserer Tage an modernen Maschinen arbeiten, um die vor 2000 Jahren versunkene Welt der antiken Schifffahrt neu erstehen zu lassen.
Man kann geradezu miterleben, wie Legionäre und Offiziere ihren Dienst taten, wie sie ausgerüstet waren, übernachteten, verpflegt wurden, wie sie mit all den damaligen Problemen klar kommen mussten.
Besonders beeindruckend ist für einen Segler die damalige Takelage. Antike Segel waren zunächst einmal nur in der Lage, Wind von hinten (achterlich) in Vorausfahrt umzusetzen. Demzufolge war oft kräftezehrendes Rudern angesagt. Es gab aber auch schon Versuche, effektivere Segel (Lateinersegel) einzusetzen. Die komplizierten Gesetze der Luftstömung hat man sicher noch nicht erfasst, aber man versuchte schon, die Segel so zu  stellen, dass auch schräg einfallender Wind das Schiff nach vorn bewegte.
Weit, mühevoll, bewundernswert war der Weg der Erkenntnisse von damals bis heute. Was uns heute oft selbstverständlich (billig) erscheint, ist in Wirklichkeit teuer erworben.
22.  Auf dem Weg zu neuen Zielen komme ich am ZDF-Sendezentrum vorbei. Eine moderne Festung! Selbst der Blick auf die Gebäude wird mit Mauern, Zäunen und Gebüsch versperrt. Das hatte ich mir anders vorgestellt, naiv, wie ich noch immer mal wieder bin.
Hier besteht hohes Sicherheitsrisiko. Wer Augen und Ohren nicht verschließt, muss Gefahren zur Kenntnis nehmen, denen wir ausgesetzt sind. So ein Sender ist ein verlockendes Objekt für teuflische Anschläge, wie wir sie bis jetzt fast nur aus dem entfernten Ausland kennenlernen.
Auch dazu kann man bei Goethe (in „Faust“) etwas lernen. Wer die Welt nur schönreden will, missachtet ein göttliches Gesetz. Neben dem Herren und seinen Schmeichlern (Prolog im Himmel) gibt es Mephisto. Der definiert sich so: Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Generationen haben sich über diesen Satz den  (menschlich begrenzten) Kopf zerbrochen.
Wilhelm Busch, auch ein Weiser, hat es auf seine Art ausgedrückt:
„Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, was man lässt!“
Weiter geht es am linken Rheinufer. Eine kleine Rast lege ich ein, um zur Loreley  hinüberzublicken.  Noch immer ertönt auf den Schiffen das Heine-Lied, wenn sie den Felsen passieren. Da haben wirs wieder! Warum ist der Schiffer ersoffen? Weil er nur auf das Schöne da oben gesehen, nicht aber die Gefahr von unten beachtet hat.
Am Nachmittag komme ich nach Remagen. Die Stadt ist Teil der Geschichte des Zweiten Weltkrieges geworden. Im März 1945 stand hier die letzte noch nicht gesprengte Rheinbrücke. Amerikaner haben sie erobert und konnten so mit all ihrer Technik den Fluss überqueren. Der General Eisenhower sagte damals: „Die Brücke ist ihr Gewicht in Gold wert!“ Tage und Nächte rollte die Kriegsmaschinerie, bis die Brücke infolge Überbelastung zusammenstürzte.
Sie ist nie wieder aufgebaut worden. Einer der riesigen Brückenpfeiler beherbergt heute ein Friedensmuseum. Kluge Leute waren hier am Werk.Man erfährt viel über die amerikanischen Sieger, aber auch über die deutschen Besiegten.
Hier gab es ein Kriegsgefangenenlager ungeheuren Ausmaßes unter freiem Himmel. 30 000 entkräftete deutsche Soldaten vegetierten hinter Stacheldraht auf Acker- und Wiesenboden. Sofern die Kraft noch reichte, gruben sie sich im Frühjahr mit bloßen Händen kaum schützende Erdlöcher.
Sie hatten es schwer, zu der Erkenntnis zu gelangen, dass nicht die Alliierten diese Hölle verschuldet hatten, sondern eigene Landsleute. Auch die Kirche hatte während der Regentschaft des Bösen zu wenig vermocht.
23.  Mein Nachtquartier im Camp Remagen ist luxeriös, meine ich heute abend, nicht nur im Gedenken an meine Landsleute vor 60 Jahren, die hier ganz in der Nähe um ihr Überleben kämpften.
Ich beobachte nämlich etwas verstohlen einen Mann in meinem Alter, der mit dem Fahrrad unterwegs ist. Er war ebenfalls im Friedensmuseum und spricht englisch. Er ist wohl wie ich auf Fahrt, um geschichtliche Stätten kennenzulernen. Er sitzt vor seinem winzigen Hightech-Zelt, trinkt Cola und isst Chips. Das ist seiner Situation geschuldet, ich hoffe, dass er tagsüber Besseres zu sich nimmt.
Wie ich legt er sich bald auf die Matratze, um im Morgengrauen weiterzuziehen. 
Sieh da, morgens hat er sogar einen kleinen Kocher für Teewasser, dazu gibt es jetzt Kekse. Ich hätte gern mit ihm gesprochen, aber ich bin ein Ossi. Insgesamt 12 Jahre lang hatte ich Russischunterricht während der Schul- und Studienzeit. Eine gute Sprache wie andere auch, aber ich habe sie auch zu DDR-Zeiten fast nie gebraucht. Was ich in Englisch mir (unsystematisch) angeeignet habe, ist ungenügend.
24.  Erst seit dem Frühjahr 2008 gibt es, etwas westlich vom Rhein, ein sensationelles Zeitzeugnis zu besichtigen: den ehemaligen atombombensicheren Bunker der Bonner Bundesregierung bei Bad Neuenahr. Er wurde in der Zeit des Kalten Krieges errichtet und nach der Neuvereinigung Deutschlands, als Berlin wieder Hauptstadt wurde, geschlossen und rückgebaut.
Dieser Bunker war das gewaltigste Bauwerk, was je in Deutschland erstellt wurde. Das Ganze war natürlich streng geheim. Nach Aussage von Marcus Wolf jedoch war es der Stasi gut bekannt.
Unvorstellbar sind die Ausmaße! In durchschnittlich 100 Metern Tiefe gab es 17 Kilometer Stollen, fast 900 Arbeitsräume, über 900 Schlafräume, 5 Großkantinen mit ständiger Nahrungsreserve für 30 Tage, 1 Sitzungssaal  für ein Notparlament aus Bundestag und Bundesrat, eine komplette Energie- und Wasserversorgung sowie gewaltige Luftfilteranlagen. Es gab einen Radiosender, Kino- und Fitnessräume ...
35 Jahre lang waren dort unten ständig viele Menschen tätig, um die Einsatzbereitschaft zu sichern.
Die Baukosten betrugen 3 Milliarden Mark, die jährlichen Betriebskosten 1,6 Millionen.
Nur   ein Teil der ehemaligen Anlage ist zu besichigen. Der Rückbau des größeren Teils  kostete 16 Millionen.
Wer das gesehen hat, vergisst es nie mehr. Da ist beispielsweise eines der Haupttore. Das hat nach heutigen Maßstäben einen Wert von 500 000 Euro. Der bewegliche Teil wiegt 25 Tonnen. Das Schließen dauerte wenige Sekunden. Das Tor konnte jedweder Bombe standhalten.
Ich habe noch nie einen solchen militärischen Wahnsinn gesehen. Mir wird während der Führung erzählt, dass mehrwöchentliche Ernstfall-Übungen abgehalten werden sollten. Die Menschen haben das nervlich nicht ausgehalten. Bonner Regierungsmitglieder mieden die Anlage. Helmut Schmidt, der hanseatische Preuße, war als Verteidigungsminister eine Ausnahme.
Auch Wahnsinn hat Methode! Der Warschauer Pakt wusste, dass bei einem Atomschlag im Bunker nach 30 Tagen Schluss gewesen wäre. Wegen der Verseuchung hätte es keinen Ausstieg gegeben. Die  Warschauer Vertragsstaaten sollten aber auch wissen, dass man in den 30 Tagen vielfältige Möglichkeiten hatte, in Zusammenarbeit mit der NATO den Gegner gleichfalls zu vernichten.
Das sollte, das hat einen Atomkrieg zu verhindern geholfen...  Kann man das so sagen? Habe ich es hier mit dieser Kraft zu tun, die das Böse will und das Gute schafft?
Am Ausgang gibt es zahlreiches Informationsmaterial. Da lese ich noch, dass sich die DDR-Regierung durch die Stasi-Ermittlungen veranlasst fühlte, ihrerseits ähnliche Bunker zu bauen. Auch ohne Rücksicht auf die entstehenden Kosten.
25.   Auch in Bonn gibt es Sehenswertes, das mich 1-2 Wochen beschäftigen könnte. Wenn ich bis zum 100. Lebensjahr fit bleiben würde, hätte ich eine Chance, alles in Ruhe zu besehen, was ich bisher nur kurz besucht habe ...
Mit Mühe finde ich im ehemaligen Regierungsviertel einen Parkplatz – überall wird gebaut.
Da ist das Rheinufer! Als Willy Brandt 1970 in Erfurt ankam, um einen von seiner Regierung angestrebten innerdeutschen Dialog zu beginnen, wurde er von DDR-Ministerpräsident Willi Stoph begrüßt. Brandts erste Sätze waren dem Wetter gewidmet: „Wir hatten heute morgen am Rhein ...“  -  Das sollte gesamtdeutsche Gefühle wecken. Ich habe das damals im Fernsehen verfolgt und  versucht, mir das Rheinufer vorzustellen.
Den armseligen Stoph hat das nicht berührt. Sein Hauptanliegen bei diesem Treffen war, 100 Milliarden DM Reparationsleistungen von der BRD zu verlangen. Die ganze westliche Welt hat damals über diese irre Idee den Kopf geschüttelt.
Wer weiß das heute noch?
Der Arbeiterführer Stoph hatte sich dann in späteren Jahren an der Müritz ein Anwesen für 8 Millionen DDR-Mark bauen lassen, in dem 16 Stasi-Diener ihren Herren betreuen mussten. Schließlich wurde noch für über 2 Millionen ein Kanal gegraben, über den der Genosse Stoph zur Jagd gerudert wurde.
Bonn war meine Hauptstadt, hier arbeiteten meine Politiker! Kompromisse habe ich mit den verlogenen  DDR- Genossen machen müssen, aber vertraut habe ich ihnen in den 40 Jahren nie.
Hinter Mauern, Bauzäunen und Hecken erspähe ich das damals neu errichtete Bundestagsgebäude, das Ausweichquartier Wasserwerk, dann stehe ich vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt mit der weltbekannten Skulptur. Da wäre ich gern hingegangen, die hätte ich angefasst! Ich habe sie unzählige Male im Fernsehen (Bericht aus Bonn) gesehen. – Geht nicht, auch die Nachnutzer halten das Wachhaus in Betrieb.
Aber nun zum Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland! Es ist das faszinierendste Museum, das ich jemals betreten habe. Originalgegenstände, -objekte, ganze Bauten, Dokumente, Fotos, Filme ... alles in wohlüberlegter Auswahl übersichtlich und anziehend präsentiert.
Eine Trümmerlandschaft, ehemals Straßen einer deutschen Stadt, das ist der Eingang, der Anfang.  Die Sieger, die Besiegten, das Chaos. Ich bin mitten drin. Der Rumpf eines „Rosinenbombers“, der die Berlinblockade überwindet, die „Luftbrücke“ in ihrer nicht zu überschätzenden Bedeutung für die deutsche Nachkriegszeit, die Rolle Westberlins ...
Da ist das Originalmobiliar des ehemaligen Plenarsaals aus den fünfziger und sechziger Jahren!  Ich setze mich in einen Abgeordnetensessel. Per Knopfdruck kann ich Redeauszüge damaliger Politiker vorn auf einem Bildschirm aufrufen. Ich drücke nacheinander alle Knöpfe, ich habe Zeit, es wird eine lange Sitzung.
Da vorn steht das Rednerpult, ich darf es betreten. Ich stehe da, wo Adenauer, Erhard, Ollenhauer, Heuss, Heinemann, Mende, Strauß gestanden haben.  Die Ablage des Pultes ist abgegriffen. Hier lagen die manchmal schweißnassen Hände (Strauß hatte  manchmal sogar Schaum vor dem Mund, man sah das im Fernsehen), da stand das Wasserglas. Hier hat sich Herbert Wehner „gelbe Karten“ eingehandelt;
ich erinnere mich, dass er einmal einen Abgeordneten „frei schwebendes Arschloch“ genannt hat.
Es ist vielleicht  kindlich anmutend, wenn ich so davon beeindruckt bin, dieses Pult anfassen zu können. Aber ich bekenne mich dazu.
An anderer Stelle sehe ich den ersten Dienstwagen Adenauers, er glänzt, als wäre er nie im Einsatz gewesen.Dann sehe ich Ausschnitte von Kinofilmen, die damals Schlagzeilen gemacht haben. Ich begegne „sozialistischen Errungenschaften“, die im Vergleich zum „Wirtschaftswunder“ gering erscheinen, die aber sachlich, nicht spöttisch dargestellt werden. Geheimnisvoll geht es in der Abteilung Weltraumfahrt zu. Eine schmale Brücke führt steil noch oben zu einer Vitrine, da ist ein faustgroßes Stück Mondgestein hinter Panzerglas zu sehen. Dann gibt es eine Sonderausstellung zur Schlagermusik. Mehr als 100 Titel kann ich in Musikboxen wählen. Ich kenne sie alle. SFB und DLF konnte man einigermaßen störfrei empfangen; den RIAS mit der Sendung „Schlager der Woche“ leider nicht.
Jungen Menschen muss man heute umständlich erklären, was es damals in der DDR bedeutete, „Westradio“ zu hören.
Brandt kniend am Mahnmahl für die Opfer des Aufstandes von 1943 im Warschauer Ghetto.  Schmidt in der DDR, als seine bloße Anwesenheit die Gesichter der blassen DDR-Machthaber noch farbloser werden ließ.
Im Erdgeschoss steht dann ein geschichtsträchtiger Eisenbahnzug. Gebaut wurde er schon zu NS-Zeiten. Dann nutzten ihn Bonner Spitzenpolitiker. Hier glaubte Brandt manchmal nur Mensch (schwacher Mensch) sein zu können. Verraten von einem fleißigen Kriecher in Stasi-Diensten musste er als Kanzler zurücktreten.  Er tat es mit den stolzen Worten: „Ein deutscher Bundeskanzler lässt sich nicht erpressen!“ Auch dafür bin ich ihm dankbar.
Am Abend fahre ich noch zum Petersberg. Hier war das Bonner Gästehaus. Die Lage ermöglichte einen optimalen Schutz der Politiker aus aller Welt.
Jetzt ist hier ein Nobelhotel. Die Parkanlagen und Aussichtsgalerien sind erhalten und stehen jedem offen, der sich da oben umsehen will. Es gibt auch einen Clinton-Rundweg. Da ist der einstmals mächtigste Mann der Welt gejoggt.
Ich bin diesen Weg gemächlich und genüsslich gegangen.


26. Es ist diesmal ein kleiner Rastplatz am Rhein. Ein paar Wohnmobile stehen schon da. Ich gehe noch ein paar Schritte am Ufer entlang und sehe, dass ein dicker Kater an einem großen Mobil angeleint ist. Hunde lernen, mit einer Leine umzugehen, Katzen nicht. Auch dieser Kater hat sich an den Hinterpfoten „gefesselt“ und blickt mich traurig an. Ich hocke mich hin und spreche mit ihm, damit sein Frauchen aus ihrer Küche kommt und ihm hilft. Sie kommt, hilft, registriert: Katzenfreund! Ich erfahre, dass ich es mit einem Mobil-Kater zu tun habe, der schon an die 10 Jahre mit seinen Leuten „auf Achse“ ist. Und zu Hause ist ihm beim Überqueren „seiner Straße“ die Schwanzspitze abgefahren worden.
Ich erzähle, dass wir früher auch einen tollen Kater gehabt haben, und dass wir später, wenn wir nicht mehr so viel unterwegs sein würden, wieder so ein Tier anschaffen möchten.
Da sieht die Frau mich an und sagt: „Eine Katze wird 12 bis 14 Jahre alt; wie lange wollt ihr denn noch warten?“
Manche Bemerkung haut einen glatt um! Unser Kater Heinrich ist 16 Jahre alt geworden. Wenn wir jetzt ... in 16 Jahren wäre ich 85!
27. Von meinem Stellplatz breche ich früh auf, um nach Rhöndorf zu fahren. Dort will ich mich einen Tag lang mit Konrad Adenauer beschäftigen. Weil die Gedenkstätte erst später öffnet, wandere ich zum Waldfriedhof, zur Grabstätte.
Ein schön gelegenes Familiengrab; der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland ist als Mitglied der Familie Adenauer beerdigt worden. Wie bezeichnend! Der gläubige Christ war bei allem Selbstbewußtsein als Staatsmann bescheiden, was seine Person betrifft.
Man gehe zum „Sozialistenfriedhof“ in Berlin und begutachte das Selbstverständnis von Bonzen. Über den Tod hinaus wollen sie „unter sich sein“, abgeschieden vom Volk, oft auch von den Familienmitgliedern.
Adenauer ließ 1937 in dem kleinen unbekannten Ort Rhöndorf hoch oben an einem Berghang ein Haus bauen. Da hatte er schon schlimme Jahre hinter sich. Seit 1917 war er Oberbürgermeister von Köln, als er 1933 wegen fehlender Unterwürfigkeit abgesetzt und verfolgt wurde. Nur, indem er sich als Katholik in einem Kloster ver-barg, entging er einer Inhaftierung. Als er dann still und unauffällig in Rhöndorf ansässig wurde, war seine erste Frau, mit der er drei Kinder hatte, schon gestorben. Er heiratete erneut und bekam dann noch vier Kinder. So gesehen war es ein beengtes Haus, in dem die große Familie nun lebte.Und sie lebten in sehr beschränkten Verhältnissen.
Gegen Ende der Naziherrschaft wurde Adenauer doch noch verhaftet, überlebte aber, was ja nicht selbstverständlich war.
Aus der Zeit seiner Inhaftierung erzählte Adenauer einmal eine beeindruckende Episode über ein Gespräch mit seinem „Gefängniswärter“. Es verlief sinngemäß so:
„Begehen Sie um Gottes Willen jetzt keinen Selbstmord! Ich will keinen Ärger, jetzt, wo es  zu Ende geht!“
„Warum sollte ich, ich bin ein Christ!“
„Na, so alt wie Sie sind, Sie haben Ihr Leben doch gelebt!“
Ab 1945 übernahm er sofort politische Ämter. 1948, da war er schon über 70 Jahre alt, starb seine zweite Frau. Ein Jahr später wurde er Bundeskanzler. Er blieb 14 Jahre in diesem Amt.
Einiges Gartenland hat er im Laufe von Jahrzehnten zu seinem geliebten Haus schrittweise dazugekauft. Immer musste er mit seinen Einkünften haushalten, doch er war sparsam und natürlich auch privat zielstrebig.
Heute ist am Fuße der Anhöhe ein Ausstellungsgebäude. 1967, im Todesjahr Adenauers, haben die Erben, die sieben Töchter und Söhne, das Anwesen dem Bund übereignet. So konnte die „Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus“ geschaffen werden.
Hier kann ich nun vieles sehen, lesen und hören, was mir bisher unbekannt war und was letztlich mein Bild über mein Land vervollständigt.
Auch er kam aus einer kinderreichen Familie, und er wollte studieren.  Das überstieg aber eigentlich die finanziellen Möglichkeiten der Eltern, andere Geschwister studierten schon. Mit großen Opfern wurde es dann doch ermöglicht. Konrad dankte es, indem er in kürzester Zeit seine akademischen Ziele erreichte.
Dass er später gegenüber rebellierenden Studenten aus wohlhabenden Familien wenig Sympathie aufbrachte, ist nachvollziehbar.
Ich lese viel in dieser Ausstellung und bin zunehmend fasziniert von der Persönlichkeit des Rheinländers. Er hatte die fürchterliche Vergangenheit seines Volkes bewusst miterlebt und miterlitten; daraus erwuchs ihm die Vorstellung von einer besseren Zukunft, für die er nun unerschütterlich arbeitete. Dabei setzte er auch politische Entscheidungen durch, die keinesfalls alle bejubelten. Kritikern begegnete er mit trockenem Humor.
„ Eines Tages wird auch Sowjetrussland einsehen, dass diese Trennung Deutschlands und damit die Trennung Europas nicht zu seinem Vorteil  ist. Wir müssen aufpassen, ob der Augenblick kommt ...“
Als Adenauer das auf einem Parteitag seiner CDU sagte, war er 84 Jahre alt. Helmut Kohl, der unten im Saal saß, war damals 29.
„In der Politik handelt es sich gar nicht darum, Recht zu haben, sondern Recht zu behalten.“
„Ich habe das deutsche Volk in allen Situationen aufs tiefste geliebt. Und was die Gerissenheit angeht: Wenn es nötig ist, muss man sie besitzen.“
„Natürlich achte ich das Recht. Aber auch mit dem Recht darf man nicht so pingelig sein.“
Zur Führung im Haus werden wieder Gruppen zusammengestellt. Diesmal komme ich zu ca. 20  CDU-Senioren, das ist mal was anderes. Steile Wege führen an Rosenbeeten vorbei nach oben. Mehrmals müssen wir stehen bleiben und die schöne Aussicht bewundern, wir Senioren. Der „Alte“, wie der Hausherr liebevoll genannt wurde, hat auch in seinen letzten Lebensjahren alle Treppen und Wege in seinem Garten-Park bewältigt.
Besonders schön ist sein letzter Bau  neben dem Haus gelungen. Es ist ein Pavillon mit großen Fensterfronten, innen ausgestattet mit edlem Holz, angefüllt mit Büchern. Hier hat er gesessen und seine Lebenserinnerungen geschrieben. Ruhig war es nun um ihn geworden.Andere hatten seine Ämter übernommen. Nicht allen traute er so viel zu, wie er sich immer abverlangt hatte.
Sein Sterbezimmer, in das man durch ein Fenster blicken kann, ist ganz schlicht.


28.  Nun habe ich fast alle meine Ziele besucht, mehr geht kaum. An Köln muss ich
vorbeifahren, obwohl da noch so vieles auf mich wartet.
Aber der Heimweg führt über das Bergische Land bei Solingen. Ich will über die Müngstener Talbrücke mit dem Zug fahren.
Als ich 16 Jahre alt war, Metallarbeiterlehrling, bin ich mit dem Fahrrad von Rathenow nach Solingen gefahren. Das war damals in der DDR (vor dem Bau der Mauer) noch möglich, wenn man Verwandte „drüben“ hatte. Meine Mutter hatte nur eine Freundin, die nach Solingen geheiratet hatte. Diese Freundin wurde nun kurzer-hand zur Cousine befördert. So bekam ich die Besuchserlaubnis nach Westdeutschland.
Den weiten Weg mit einem gewöhnlichen Tourenrad (ohne Gangschaltung natürlich) zu fahren, das war auch für einen kräftigen jungen Mann eine ungewöhnliche Herausforderung. Meine Eltern ließen mich mit gemischten Gefühlen ziehen.
Ich war mehrere Tage unterwegs ohne einen Pfennig Westgeld und demzufolge auch ohne normale Unterkunft. Mein Großvater hatte mir von seiner Wanderzeit erzählt. Damals gab es Verpflegungsstationen und Obdachlosenunterkünfte. – Wer für eine Zeit lang Arbeit gefunden hatte, wurde natürlich beim Meister oder bei einer Firma versorgt.
1956, zu meiner Zeit, gab es solche Möglichkeiten zur  Not auch, wie ich schnell herausgefunden hatte. Im Rucksack auf dem Gepäckständer war nur eine Notration, die schnell verzehrt war. So meldete ich mich in Bahnhofsmissionen, Pfarrhäusern oder auch Polizeistationen. Für Jugendherbergen hätte ich Bezugscheine benötigt, so wäre dann auch die Verpflegung abgesichert gewesen, aber die bekam man ja erst am Bestimmungsort, der auf der Besucherlaubnis verzeichnet war. Dass es Verrückte gab, die statt mit dem Zug mit dem Fahrrad kamen, war nicht berücksichtigt worden.
Als  16-Jähriger aus der Ostzone auf so einer Reise war ich natürlich ein „seltener Vogel“, dem gern geholfen wurde. Sogar Schwesternschülerinnen in der Bahnhofsmission (mit komischen Hauben auf dem Kopf, ist mir in Erinnerung) schenkten mir ihre Aufmerksamkeit.
Damals lernte ich auch die ersten richtigen Obdachlosen kennen. Ich fragte abends einen Ortspolizisten, es muss in der Gegend um Hameln gewesen sein, nach einer Schlafstätte. Er hatte die Großraumzelle im Ortsgefängnis anzubieten – da waren aber schon zwei Pritschen besetzt. Von dort sah man mich an, als wollte man sagen: Du bist nicht echt, was willst du hier? Die beiden sahen zum Fürchten aus, und dann kam noch der Hinweis, dass ein  Knast abends natürlich verschlossen werden muss.
So bin ich denn noch ein Stück weiter gefahren und habe in einem einsamen Neubau auf einem Bretterstapel übernachtet.
In Solingen zeigte mir die Familie meiner „Tante Anita“ die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Sie ist über 100 Meter hoch und 500 Meter lang. Zur „Kaiserzeit“ hat sie die gigantische Summe von 2,5 Millionen Mark gekostet.
Mein Großvater war damals ein abenteuerlustiger jungen Mann. (Manche Eigenschaften vererben sich über Generationen hinweg!) Seine Schilderung zu dem Brückenbau-Erlebnis habe ich noch gut in Erinnerung.
In Wolfenbüttel hatte mein Großvater im April und Mai 1896 für ein paar Wochen als „Schlossergesell“ Arbeit und Unterkunft gefunden. Dann  kam er nach Remscheid und hörte von der großen Baustelle. Da wanderte er in das tiefe Tal des Flüsschens Wupper und fand dort direkt am Ort des Geschehens am 5.6.1896 Arbeit und Unterkunft.
Das Einstellungsgespräch war kurz: „Sind Sie schwindelfrei? Sie müssen da oben warm nieten!“ Die tollkühne Antwort war:“Ja!“
Zum Verständnis: Die Metallbrückenteile bekamen an beiden Enden Löcher und wurden mit Metallnieten verbunden. Diese wurden in Höhen bis zu 100 Metern in Koksschmiedefeuern zuerst glühend erhitzt, mit Feuerzangen in die Löcher gesteckt und mit großen Hämmern (beidhändig) festgeschlagen. Die tägliche Arbeitszeit dürfte lang gewesen sein. Die Pausen wurden oben gemacht, der Weg nach unten hätte zu viel Zeit gekostet.
Ich habe 1956 da unten gestanden, nach oben gestarrt und den Zug kaum gesehen, der dort fuhr. Und ich habe daran gedacht, dass mein Großvater mir erzählt hatte, dass er gern noch viele Wochen dort gearbeitet hätte. An die Höhe hatte er sich gewöhnt, aber er musste einen tödlichen Absturz miterleben.
Deshalb war er im Herbst schon in Mannheim. Da baute er, wie die Stempeleintragung ausweist, „Cyklop-Fahrräder“ zusammen. Das war nicht mehr lebensgefährlich. So hat er aber auch den pompösen Besuch Kaiser Wilhelms II. zur Eröffnung der Brücke nicht miterleben können.
Vor dem Bau der Brücke war der Eisenbahnweg von Remscheid nach Solingen ganze 44 km länger. Das Bauwerk ist auch heute noch voll funktionsfähig und erfordert jährlich an die 100 000 Euro Pflege- und Kontrollkosten.
Meine Fahrt über die Brücke verläuft leider nicht so feierlich, wie ich es mir vorgestellt hatte. Vor und hinter der Brücke liegen kleine Bahnhöfe. Meine Fahrt sollte mit einem Nahverkehrszug nur kurz sein. Den Rückweg, ca. 5 km, wollte ich  unten im Tal zu Fuß gehen.
Ich finde einen leeren Parkplatz – und einen stillgelegten Bahnhof. Also muss ich „einen Bahnhof zurück“, nun sind es über 10 km. Und einen zusammenhängenden Fußweg gibt’s  auch nicht mehr.  Am neuen Bahnhof ist der Parkplatz voll, nun habe ich meinen Fußweg, aber ganz anders. Am Fahrkartenautomat tritt ein glatzköpfiger, martialisch tätowierter und schraubenverzierter Gesell im Wanderburschenalter gegen die unteren Drückerknöpfe und klärt mich auf: „Det Scheißding jeht nich!“
Also steigen wir beide dann ohne Fahrschein ein. (So macht man sich gemein!) Ich melde mich beim Fahrer, der kennt die nichtfunktionsfähigen Automaten an der Strecke und meint: „Eine Station? Geht so, aber der Automat für die Rückfahrt ist in Ordnung!“
Nun will ich ein Foto machen, seitwärts, damit man unten die kleinen Häuser sehen kann – geht auch nicht! Alle Scheiben zerkratzt. Doch, geht doch, die Frontscheibe, der Fahrer dreht sich ein wenig zur Seite. Das ist ja  ein richtiger Kumpel!
29.                             
                        Lieber Opa!
Ich bin über Deine Brücke gefahren, von der Du mir erzählt hast, als ich noch ein kleiner Junge war.
Was ich gerade erlebt habe, war aufregend und schön, aber ich bin auch wieder sehr nachdenklich geworden. Das geht mir oft so.
Zu Deiner Zeit hat sich jeder eine Fahrkarte kaufen können, wenn er das wollte. Jetzt sagt sogar das Zugpersonal, dass es manchmal auch ohne gehen muss.
Zu Deiner Zeit haben die jungen Leute sich mit Entbehrung und Anstrengung ihre Zukunft erarbeiten müssen. Heute bohren sie sich Löcher durch die Backen und ziehen Schrauben durch.Und die bauen nichts, die zerstören was. Auch ihre Zukunft zerstören sie sich, aber da regt sich keiner mehr drüber auf.
Lieber Opa, manchmal bin ich überhaupt nicht stolz auf meine Zeit. Auf diesen Fortschritt, der da über uns gekommen ist.
Aber auf Dich, Opa,  bin ich stolz!
30. Nun geht es endgültig nach Hause. Ich fahre durch das Sauerland. Einmal werde ich noch im Auto übernachten. Dafür habe ich mir den Berg „Kahler Asten“ ausgesucht. Wenn der Name hält was er verspricht, habe ich von über 800 Metern einen guten Rundblick und morgens vielleicht einen schönen Sonnenaufgang.
Viele Straßen hier haben eine Geschwindigkeitsbegrenzung wegen der Berge und der Kurven. Vielleicht aber auch, weil hier eine wunderschöne Landschaft zum beschaulichen Wandern ist. Auffällig auch, dass es hier keine Kreuze am Straßenrand gibt.
Das wird sich ändern, wenn ich wieder im Brandenburgischen bin.
Zu Hause werde ich wenig Zeit zum Duschen und Umziehen haben: Abends ist ein Klassentreffen in Nauen. (Sonst wäre ich wohl noch ein paar Tage länger geblieben.)
Ich freue mich auf die Truppe, die ich als letzte zum Abi geführt habe. 10 Jahre ist das schon wieder her! Drei Jahre haben wir zusammen gearbeitet, fast alle haben einen vorzeigbaren Abschluss geschafft.
Ich hoffe, dass ich erfreuliche Berichte über ihren weiteren  Lebensweg hören werde.
Ich wollte ihnen ein guter Trainer sein, das heißt, sie hattens nicht immer leicht mit mir. Ich glaube, ich habe sie gut vorbereitet auf das, was im Leben auf sie wartete.
Ich weiß auch, dass meine ehemaligen Schülerinnen und Schüler sich freuen, mich wiederzusehen. Auch der Einladung war das zu entnehmen.
Vielleicht höre ich : „Sie haben sich aber gut gehalten!“ Dann werde ich lachend antworten: „Na, wenn Ihr das sagt, muss ja was dran sein!“
Vielleicht fragen sie mich, was ich denn jetzt so mache. Die Frage wäre gefährlich, da müsste ich mich zügeln. Sonst fange ich noch an zu unterrichten.
Deutsch? Geschichte? Politische Bildung? 
Ich denke, mein Unterricht wäre jetzt grenzenlos. Wie das Leben

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Pilgern zu Arminius

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 27. Januar 2011 07:34


Anmerkungen zur Schlacht im Teutoburger Wald in einem Erlebnisbericht

Pilgern zu Arminius

1

Peter Kurth 2007

Mein “Pilgern” zu Arminius

Diese Überschrift sollte bitte nicht falsch verstanden werden. Ein Pilger ist ein Gläubiger, der heilige Stätten seiner Religion aufsucht. Das Pilgern gehört zu den ältesten spirituellen Übungen der Menschheit und ist auch heute keinesfalls überholt, wie Rom, Jerusalem oder Mekka zeigen. Es gibt aktuelle Veröffentlichungen zu diesem Thema, die große Aufmerksamkeit bekommen.

Pilgerschaft könnte man übersetzen mit in der Fremde sein Heil suchen. Über die Jahrhunderte haben allein Christen, oft unter großen Strapazen und Entbehrungen, weite Wege bewältigt, um sich selbst zu finden.

In unserer (wie ich meine) von Oberflächlichkeit geplagten Zeit fragen sich wieder zunehmend mehr Menschen: Wer bin ich? Was ist wirklich wichtig? Die Suche nach Orientierung (Orient !) ist eine starke Triebfeder der Menschheit. Es ist zu unserem Glück nicht zu erkennen, dass sich das einmal ändern wird.

Mein Pilgern steht in Anführungszeichen. In aller Bescheidenheit im Hinblick auf den großen Begriff will ich mit einigen Anmerkungen darüber berichten, wie ich mich auf den Weg gemacht habe, um eine geschichtliche Person, ein historisches Ereignis von nationaler und globaler Bedeutung besser zu verstehen.

Vor 2000 Jahren wurde unter der Führung des Germanen Arminius (zeitweise auch Hermann genannt) im Teutoburger Wald der damaligen Weltmacht Rom eine beispiellose militärische Niederlage bereitet. Die Folgen dieses Ereignisses sind bis in unsere Tage unübersehbar. (Wenn man denn sehen will!)

Dabei bin ich mir bewusst, dass ein paar kleine Texte kein auch nur annähernd zusammenhängendes Bild der damaligen Zeit ergeben. Aber vielleicht ist das gar kein Mangel. Das könnte ja auch manchen Leser anregen, selbst loszuziehen, um sich zu orientieren!

 

2

Schon Heinrich Heine, der sich von Paris kommend mit der Postkutsche durch diese geschichtsträchtige Landschaft quälte, schrieb darüber in Deutschland. Ein Wintermärchen:

Das ist der Teutoburger Wald, den Tacitus beschrieben,
das ist der klassische Morast, wo Varus stecken geblieben.
Hier schlug ihn der Cheruskerfürst, der Hermann, der edle Recke,
die deutsche Nationalität,die siegte in diesem Drecke.

Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann mit seinen blonden Horden
... wir wären römisch geworden
.

Wie schon diese wenigen Zeilen des großen Spötters zeigen, war die Beurteilung der Schlacht oft von widersprüchlichen Gefühlen beeinflusst.
Arminius als Nationalheld? Die Schlacht im Jahre 9 als Aufhänger für Germanenkult? Oder der furchtbar erfolgreiche Feldherr und seine Frau Tusnelda (Tussi !) als Spottfiguren?
Unser Wissen über ihn ist lückenhaft, da ist Raum für Spekulationen.

Er war Sohn eines einflussreichen germanischen Adligen und machte Karriere als römischer Offizier. Jung, intelligent und wohl auch rücksichtslos durchsetzungsfähig erlangte er die Achtung und das Vertrauen mächtiger Römer. Seine Frau raubte er, obwohl sie schon einem anderen versprochen war. Als Arminius dann sah, wie seine Landsleute unter der Fremdherrschaft der Römer litten, dachte er über einen Befreiungskampf nach. Mit allem militärischen Wissen der scheinbar unschlagbaren Supermacht vertraut, entwickelte er eine Art Partisanentaktik.
Glücklicher Sieger? Seine schwangere Frau geriet in römische Gefangenschaft, er hat sie nie wieder gesehen. Sein Sohn, so einige Historiker, könnte als Gladiator geendet sein. Und der Abschluss dieses Lebensdramas: Arminius, der Befreier seiner Heimat, der verräterische römische Offizier, wurde von seinen germanischen Verwandten ermordet. Da war er 37 Jahre alt, hat man ermittelt.

Meine Pilgerreise soll zu einigen Stätten führen, die aktuelle Einsichten in damaliges Geschehen vermitteln können. Sie wird an die 10 Tage dauern. Ich werde 1500 km mit dem Auto fahren müssen. Mehr Zeit als jemals zuvor will ich für Museen und Gedenkstätten zur Verfügung haben, auch für Gespräche mit Landsleuten vor Ort. Das alles wird, vom Benzinpreis abgesehen, nicht viel kosten. Auf die ungewohnt karge Zeit (Schlafen im Auto auf Campingplätzen, bescheidenes Essen, lange Fußwege) freue ich mich!

3

Detmold, der falsche Ort

Als Schüler hatte ich manches von der Schlacht im Teutoburger Wald gehört, was heute so nicht mehr ganz stimmt. Das lag nicht nur daran, dass in der DDR ein anderes Geschichtsbild vermittelt wurde. Man hat inzwischen neue Forschungsmethoden, man kommt zu weiteren Erkenntnissen. Sehr lange waren wir ja hauptsächlich auf den alten Text des römischen Schriftstellers Tacitus angewiesen. Der war aber selbst nie in Germanien, und er schrieb seine Germania erst ca. 90 Jahre nach der Schlacht. Ja, und die Germanen hatten damals noch gar keine Schrift, nur Runen. Tacitus hat auch den Ort nicht genau benennen können; der Teutoburger Wald ist groß! Das hatte zur Folge, dass sich -zig Orte um diese Ehre stritten.

Zu Heines Zeit war man der Meinung, dass die Schlacht bei Detmold stattgefunden haben müsste, und so errichtete man dort eines der größten Denkmäler Deutschlands zur Erinnerung an unsere Frühgeschichte. Über 30 Jahre hat man gebaut, über 50 Meter ist es hoch. Allein das Schwert des Arminius ist 7 Meter lang, er reckt es hoch in den Himmel. 1875 hat der deutsche Kaiser Wilhelm I. das Monument mit viel Pathos eingeweiht.
Viel später stellte sich heraus, dass alles auf Irrtümern beruhte. Der Ort stimmte nicht, und der Name  Hermannsdenkmal auch nicht.  Arminius war der Name des römischen Offiziers; der Sieger über die Römer soll sich wieder seinen alten germanischen Namen gegeben haben. Da wir aber nur lateinische Texte zur Verfügung haben, kennen wir ihn nicht. Hermann wars wohl nicht, wie man eine Zeit lang glaubte.
Schade, wenn sich jemand umbenennt, ist das ja ein Bekenntnis. Ein Held unserer Tage hat, als er als Boxer berühmt wurde, seinen römischen Sklavennamen Cassius abgelegt ...
Wir haben die Arminia in Bielefeld und den Hermann in Detmold!

Es hat wohl ziemlich geschmerzt, als man den Irrtum endgültig zur Kenntnis nehmen musste. Immerhin wurden am Hermannsdenkmal bisher 20 Millionen Besucher gezählt. (1945 haben die Amerikaner ein Zielschießen veranstaltet und den kupfernen Übermenschen durchlöchert. Das wurde aber bald wieder repariert.)
Ich fand den 26-Meter-Germanen ziemlich einsam vor, stieg 100 Stufen empor und genoss eine leicht vernebelte Aussicht auf das Gebiet, in dem die Schlacht nicht stattgefunden hat. In direkter Nachbarschaft allerdings war lautes Getümmel. Dort hat man einen Natur-Hochseil-Garten errichtet. Viel junges Volk turnte (angeseilt) hoch oben in den Baumwipfeln und fühlte sich wahrscheinlich auf neue Art sehr heldenhaft.

Das Lippische Landesmuseum musste ich unbedingt noch besuchen wegen eines Gemäldes. Arminius ist oft dargestellt worden, seine Frau weniger, beide zusammen meines Wissens nur einmal. Armin verabschiedet sich von Tusnelda ; die römische Endung fehlt, so hatte man einen deutschen Namen. Immerhin ist das Bild wenige Jahre nach der Reichsgründung (mit Blut und Eisen) gemalt und benannt worden.
Ein eindrucksvolles Zeitzeugnis! Die liebevolle Frau möchte ihren Gatten halten, der Held aber hat keinen Blick mehr für sie, er hat Wichtigeres im Sinn.
Später, wieder zu Hause, habe ich meinem Enkel das Bild gezeigt, auf Schwangerschaft und Germanenleid hingewiesen und gefragt: Was meinst du, soll Arminius in den Krieg ziehen oder soll er zu Hause bleiben? Eine solche Frage zu beantworten ist kinderleicht ... oder sollte ich besser schreiben ... nur für Kinder leicht.?

4

5

 

Die alten Germanen

Schon im Lippischen Landesmuseum wird mir die Welt der Germanen gezeigt. Unweit von Detmold aber gibt es das Freilichtmuseum Oerlinghausen. Eine großartige Rekonstruktion von germanischen Siedlungsanlagen in Originalgröße ist dort zu sehen.
Ich betrete fensterlose Hütten, in denen Menschen und Haustiere (im wahrsten Sinne des Wortes!) zusammen wohnten, ich komme an Gärten und Viehweiden vorbei, finde Töpferei, Bienenstand, Salzsiedeanlage, Bäckerei, Erzschmelzanlage, Schmiede, Totenhaus ... Die alten Germanen lebten vereinzelt, nur in Sippen, Dorfgemeinschaften und auch schon mal in Stämmen vereint. Ein Germanendorf konnte an die 25 Gehöfte haben. Mensch und Tier lebten oft unter einem Dach. Germanisches Gebiet war ungefähr im Norden durch die See, im Süden durch die Alpen, im Westen durch den Rhein und im Osten über die Elbe hinaus begrenzt. Die Bewohner dort hatten zwar eine gemeinsame Sprache, ähnliche Sitten und religiöse Vorstellungen, jedoch kein Zusammengehörigkeitsgefühl. Grausame Kriege zwischen den Stämmen und Blutrache untereinander gehörten zu ihrem normalen Leben. Wir müssen davon ausgehen, dass ein Verzeihen für einen Germanen unvorstellbar war. Wer auf Rache verzichtete, war ehrlos.
Wenn also der Arminius seine Tusnelda geraubt hat, hatte er damit wissentlich die unabänderliche Feindschaft seines Schwiegervaters heraufbeschworen. Lange sollte es noch dauern, bis eine neue Religion, das Christentum, das Leben und die Ansichten der Germanen veränderte.
Andererseits spielten der Zusammenhalt und die Treue innerhalb der Familie, in der Dorfgemeinschaft eine große Rolle. Aus einflussreichen Familien entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Adelsschicht, die dann Gefolgsleute (Krieger) anschaffte. Ein Fürst herrschte dann über mehrere Dörfer.

Die Römer sahen den vergleichsweise primitiven Lebensstandard der Germanen und nannten sie Barbaren (wild und ungesittet). Außer Stimme und Leib haben die Germanen nichts Menschenähnliches, soll der römische Statthalter Varus in Herrenmenschenmanier gesagt haben. Dabei waren die derart Verachteten im Durchschnitt einen Kopf größer als ihre Eroberer, so dass bald junge Germanen als Krieger in die römische Armee aufgenommen wurden, gezwungenermaßen oder auch durch Karriereaussichten angelockt. Und die schwarzhaarigen Römerinnen waren gierig auf blonde Haare für Perücken.

Das Germanenland war dünn besiedelt. Die Forscher sind sich weitgehend einig: Es gab damals höchstens 4 Millionen Germanen. Ein ziemlich unbedeutendes Volk also in europäischer Sicht. (Wenn man überhaupt schon von einem Volk sprechen will.) Daraus ergibt sich eine bemerkenswerte Erkenntnis. Dieses kleine Volk hatte nur eine Chance, im Laufe der Jahrhunderte groß und stark zu werden. Sie mussten sich den Nachbarvölkern gegenüber öffnen. Das fiel nicht leicht, wie wir auch heute noch mühelos nachvollziehen können. Wenn die alten Germanen gegen die Römer, später gegen andere Völker Krieg führten und, nachdem viel Blut geflossen war, sie endlich zu einem Friedensschluss fanden, dann blieb es wohl oft erst den Enkeln vorbehalten, bei der Gattenwahl alte Grenzen zu überwinden und evtl. neben der eigenen traditionellen Lebensform auch neue zu akzeptieren.

Aber es gibt keinen Zweifel: Meine frühen Vorfahren sind nicht einfach germanische, sondern es sind europäische Menschen!

Wenn ich nun im Folgenden das Leben der Römer betrachten will, dann werde ich es nicht in einer dörflichen Siedlung finden, sondern in der Stadt Köln.

 

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Köln, die Römerstadt

Das Römische Reich war zu Beginn unserer Zeitrechnung, bis zur Schlacht im Teutoburger Wald, gigantisch groß. Es reichte, vereinfacht ausgedrückt, von Nordafrika bis England, von Spanien bis in das germanische Rhein-Elbe-Gebiet. Dieses Riesenreich war das Ergebnis vieler erfolgreicher Eroberungskriege und auch der politischen Fähigkeit, die eroberten Gebiete mit erträglichen Bedingungen für die dort Lebenden zu befrieden. Jedenfalls gelang das lange Zeit ...
Wenn ein Land angegriffen wurde, hatten die Kriegsgegner zunächst einmal zur Kenntnis zu nehmen: Die römischen Soldaten traten ihnen in bisher nie gesehener Ausrüstung gegenüber, mit Kettenhemd, Helm aus Leder und Metall, mit großem Schild, Wurfspeer, Schwert, Dolch, Spaten und Beil. Es gab auch noch Spezialisten für Pfeil- und Steinkatapulte, die eine Reichweite von hunderten Metern erzielten. Auch Bleischleuderer gab es. Und sie hatten Kampftaktiken, die keine andere Streitmacht beherrschte. Sie schienen unschlagbar. Und sie glaubten, das würde für alle Zeit so bleiben.
In der Hauptstadt Rom hatten der Kaiser und seine Günstlinge ihre Paläste. (Kaiser Augustus ist vielen aus der biblischen Weihnachtsgeschichte bekannt.) Man lebte dort in einem für Nichtrömer unvorstellbaren Wohlstand. Alles war gewaltig: die Gebäude aus Ziegelsteinen, die gepflasterten Straßen, die Wasser- und Abwasserleitungen, die Gast- und Badehäuser, die Arenen für Kampfspiele, die Möglichkeiten des Amüsements. Ungezählte Sklaven waren zu Diensten. Eine Einschränkung gab es allerdings. Man musste dazugehören, etabliert sein. Auch in den eroberten Gebieten, weitab von Rom, wurden Städte errichtet, die das alles zu bieten hatten. So ist auch Köln entstanden.

Im Römisch-Germanischen Museum, direkt neben dem Dom gelegen, versetze ich mich für einen Tag in die Römerzeit. Was ist angelesenes Wissen gegen diese unmittelbare Anschauung! Hier ist auch nacherlebbar, was es für eine gewaltige Versuchung für einen zielstrebigen Germanen gewesen sein muss, aus seinem Leben was zu machen, in den Westen abzuhauen ... zumindest irgendwie mit den reichen und (scheinbar) allmächtigen Römern in Kontakt zu kommen, um davon zu profitieren. Eltern dachten sicher auch: Mein Sohn soll es später einmal besser haben ...

So kamen auch Arminius und sein jüngerer Bruder Flavus zu den Römern. Viele Wege führen nach Rom! Dieser alte Satz ist auch sinnbildlich zu verstehen. Die Brüder sind zunächst gemeinsam die Karriereleiter emporgestiegen. Hochbegabt und lernfreudig sprachen sie bald fließend lateinisch, fanden sich in der fremden Lebensweise zurecht, kämpften als Offiziere für Rom, erhielten bald für ihre Verdienste das römische Bürgerrecht und römische Namen. Von Arminius, aus einem sittenstreng-germanischen Haus stammend, dürfen wir annehmen, dass er sich im Laufe seiner Entwicklung nur begrenzt hat kaufen lassen. Während sein Bruder ein echter Römer wurde, damit später auch einer seiner Feinde, entschied sich Arminius letztlich gegen das ihm sichere römische Wohlleben, gegen die römische Eroberungspolitik, für die Befreiung seiner Heimat. Zur Zeit der Schlacht im Teutoburger Wald war er übrigens erst 25 Jahre alt. Was für ein Kerl!

Es wird Zeit, dass ich mich zum eigentlichen Ort der Schlacht begebe! Er heißt Kalkriese und liegt nördlich von Osnabrück.

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Kalkriese, der Ort der Schlacht

An die 30 Orte im Teutoburger Wald versuchten zu beweisen, dass auf ihrem Boden die Schlacht stattgefunden hätte. Auch das kleine Kalkriese nördlich von Osnabrück war im Gespräch, auch hier konnte man auf verdächtige Bodenfunde verweisen.
Im Jahre 1987 durchstreifte ein britischer Captain in seiner Freizeit als Hobbyarchäologe mit einem Metalldetektor diese Gegend und fand römische Münzen wie andere vor ihm. Interessant war, dass keines der Geldstücke aus der Zeit nach der Schlacht stammte. Schon 100 Jahre vorher hatte der Historiker Mommsen deshalb vermutet, dass Kalkriese als Ort der Schlacht anzusehen wäre. So suchte der Captain weiter. Auf  Reste von Massengräbern durfte man nach so langer Zeit nicht mehr hoffen, wohl aber auf metallische Militaria. Und tatsächlich, nach einjährigem Suchen entdeckte der ausdauernde Mann drei Schleuderbleie, die dann auch eindeutig als römische Geschosse identifiziert wurden.
Nun begann man systematisch zu graben und fand bis jetzt mehr als 3000 Stücke, die mittlerweile in einem dort eingerichteten Museum gezeigt werden. Sogar Menschen- und Tierknochen sind dabei, teilweise mit Spuren tödlicher Verletzungen. Ein besonderer Glücksfall, der damit zu erklären ist, dass hier sumpfiger Boden das Vermodern erschwert.

Eine großzügig angelegte Museumsanlage empfängt mich. Schnell wird mir deutlich, dass hier demnächst Hunderttausende erwartet werden. Man bietet modernste Museumspädagogik, die Besucher werden nicht enttäuscht sein. Kinder und Erwachsene, Menschen, die weniger Zeit als ich mitbringen oder auch Menschen, die tagelang hier Vorträge hören und Exponate studieren wollen, sie alle können gut bedient werden. Sensationell und einmalig in seiner Art ist das eigentliche Museumsgebäude. Es ist völlig aus Stahl gebaut, zeigend, dass hauptsächlich Metallfunde uns Einblick in das Geschehen vor 2000 Jahren gewähren.

Wie die Schlacht im Einzelnen verlief, die wie kaum eine andere die Weltgeschichte verändert hat, war schon vorher einigermaßen, hauptsächlich durch Tacitus, bekannt. Hier aber wird einiges davon sichtbar und vieles besser vorstellbar.

Das germanische Gebiet war von den Römern erobert worden und sollte nun nach römischen Vorstellungen und Grundsätzen regiert werden. Je größer das Riesenreich wurde, um so gewaltiger wurde auch der Bedarf an Steuereinnahmen. Die Masse der Germanen war schon mit dem Erlernen der fremden Sprache überfordert. Ein Verständnis für all die Neuerungen konnte sich nicht entwickeln. Einer wie Arminius fand nun offene Ohren, wenn er von gemeinsamen Interessen und notwendigen Aktionen sprach.
Dabei war Arminius bis zur eigentlichen Schlacht noch ein enger Vertrauter des römischen Statthalters Varus. Nicht ganz untypisch: Der mächtige Römer konnte sich nicht vorstellen, dass 1. ein so begünstigter Mann wie Arminius noch etwas anderes im Sinn haben könnte als seine Errungenschaften abzusichern und 2. so einfältige Wesen wie die Germanen (Barbaren) Patriotismus entwickeln könnten. Kann ein Feldherr als Angehöriger der größten und erfolgreichsten Berufsarmee (300 000 Soldaten im ganzen Römischen Reich, ca. 30 Jahre Dienstzeit) überhaupt realistisch denken?
Dieser Varus, der es sich und seinem Tross von 30 000 Menschen (Soldaten, Offiziere mit Bediensteten, Frauen und Kinder) im Sommerlager westlich der Weser gut gehen ließ, konnte nicht ahnen, dass er schon im Herbst mit all seinen Landsleuten sterben würde. Völlig arglos ließ er sich mit dem ganzen Tross in die Kalkrieser Schlucht locken. Von Fels und Moor eingeschlossen, von tagelangen Märschen bei kaltem Regenwetter auf kaum noch passierbaren Wegen entkräftet, gelang es den Barbaren, die Römer zu vernichten.
Im Museumspark kann man den Weg des römischen Heeres verfolgen. Überall dort, wo  Ausgrabungen stattgefunden haben, wo Spuren des Kampfes ans Licht gebracht wurden, liegen jetzt Metallplatten, die man überschreiten kann.
Man kann den germanischen Hinterhalt bestaunen. Eine einfache Idee, aber ungeheuer wirkungsvoll.

 

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Man hat versucht, die Dimensionen der Schlacht mit Zahlen zu verdeutlichen: Der römische Heerzug durch das unwegsame Gelände könnte 10 km lang gewesen sein, ein römischer Krieger schleppte 40 kg an Ausrüstung; 20 000 Tote war das Ergebnis der Schlacht.
Arminius hatte vorher mehr als 30 Germanenstämme unter sein Kommando gebracht. Wie er das geschafft hat, bleibt ein Rätsel.

Nicht nur das! In neuester Zeit wird Kalkriese als Zentrum der Schlacht wieder angezweifelt. Die Dimension des ganzen Gemetzels will denn doch nicht so recht in das Ausgrabungsfeld um Kalkriese passen.

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Nach der Varusschlacht

Merkwürdig, nicht der Sieger Arminius ist im Namen der Schlacht zu finden, sondern der unwürdige Verlierer. Als der erkannte, dass es kein Entkommen mehr gab, stürzte er sich in sein Schwert. Andere Anführer taten es ihm nach. Sie ließen ihre Soldaten, die ihnen vertraut hatten, im Stich. (Größenwahnsinnige Führer, die sich davonstehlen ...)
Die "blonden Horden", wie Heine die Germanen einst nannte, waren in einen Blutrausch verfallen. Auch die Gefangenen wurden abgeschlachtet. Schädel wurden an Bäume genagelt. Weit und breit wurde lange Zeit noch Jagd auf verbliebene Römer gemacht.
Kaiser Augustus ("der Erhabene") in Rom war "am Boden zerstört". Jahre dauerte es, bis man es nochmals versuchte, Germanien zu unterwerfen. Ein römischer Heerführer mit dem schönen Namen Germanikus drang mit hunderten Schiffen in das immer noch dünn besiedelte Land der Germanen ein. Weite Wege musste er zurücklegen, traf dann aber auf gut organisierte Verteidiger, die von Arminius geführt wurden.
Aber es gab auch Gebiete, wo die führenden Adligen kein Bündnis mit dem neuen Volkshelden eingingen, weil sie dessen Macht nicht noch mehr fördern wollten, zumal er ja keinen römischen Lebensstandard zu bieten hatte.
Germanikus erreichte auch den Ort der Varusschlacht und ließ die sterblichen Überreste seiner Landsleute, die erst von den Siegern und dann von wilden Tieren verstümmelt waren, nun endlich beerdigen. Er konnte auch noch Tusnelda mit ihrem Sohn gefangennehmen, musste sich aber schließlich doch nach großen Verlusten zurückziehen.
Während Frau und Kind des Arminius im Triumphzug durch Rom geführt wurden, ist es gleichzeitig Gewissheit geworden: Die Germanen sind endgültig frei von Rom. Arminius aber wurde von seinen Verwandten ermordet. Deren Freiheitsbegriff war etwas schlichter als der ihres Opfers.

Aber auch hier erbringen neue Entdeckungen schon wieder neue Irritationen. Im Westharz hat man jetzt Spuren einer Schlacht zwischen Römern und Germanen gefunden, die über 200 Jahre später stattgefunden haben soll. Weiterentwickelte Waffen kamen ans Licht: Katapult-Pfeile mit Eisenspitzen, die wohl 300 Meter weit fliegen konnten. Die dort tätigen Wissenschaftler verkünden, dass die Geschichte der Germanen und Römer erneut korrigiert werden muss.

Wie schon erwähnt, die Rolle des Arminius ist zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich bewertet worden. Die weitreichenden Folgen der Schlacht jedoch sind weniger umstritten. Es war die größte Niederlage des römischen Imperiums, und wenn man mal so ganz grob die Zeit danach betrachtet, könnte man sagen, es war der Anfang vom Ende dieser Weltmacht. Zweieinhalb Jahrhunderte später bestürmen große Germanenheere die römischen Grenzen. Vier Jahrhunderte nach der Schlacht sind Heere mit ihren Familien in ganz Europa unterwegs, um neue Siedlungsgebiete zu erobern. (Dafür gibt es die etwas irreführende Bezeichnung "Völkerwanderung".) Und fast ein halbes Jahrtausend nach dem Schicksalsjahr 9 wird Rom von Germanen erobert. Das Weltreich, das tatsächlich 1000 Jahre Bestand hatte, war zerschmettert.
Was Heine mit seinen "Was wäre, wenn..." -Gedanken im Wintermärchen so lässig mit "wir wären römisch geworden" ausdrückt, ist bei näherer Betrachtung atemberaubend. Wenn Rom weiterhin seine eroberten Gebiete hätte behalten können, gäbe es die heutigen europäischen Staaten nicht, und sicher auch nicht deren Sprachen. Ein Europa ohne Deutsch und Englisch, wäre dann Renaissance und Klassik denkbar? Und ein Shakespeare hätte keines seiner Königsdramen schreiben können.
Allerdings, ein romanisiertes Mitteleuropa hätte wohl auch weniger Gegensätze (Kriege) zu ertragen gehabt.

Das Museum Kalkriese lässt keinerlei nationalistisches Triumpfgefühl aufkommen. Das Schicksal der Menschen, die hier leiden und sterben mussten, wird aufgezeigt. Fünf Universitäten beteiligen sich an den wissenschaftlichen Untersuchungen. Eine der bedeutendsten Ausgrabungen in Europa ist noch lange nicht abgeschlossen, und man geht behutsam vor, um nichts zu zerstören oder zu übersehen.
Große Anstrengungen werden unternommen, die uns allen dienen; uns, den Europäern. Schließlich sind wir ja auf dem Weg, "uns selbst zu finden".

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Xanten, die Römer- und die Siegfriedstadt

Arminius war ein Realist. Unter seiner Führung wurden die Römer erbarmungslos gejagt und getötet, solange sie sich auf germanischem Boden befanden. Konnte sich jemand doch über die Grenze retten, passierte ihm nichts mehr. Die Grenze wurde nicht angegriffen. Auch nach Arminius war das noch lange so.
Um aber vor diesen unheimlichen Nachbarn ganz sicher zu sein, bauten die Römer einen über 500 km langen, militärisch gesicherten Grenzwall, den Limes. Diese gigantische Anlage hatte 1000 Wachtürme und 100 Kastelle. Keiner konnte unkontrolliert passieren. Für Händler aber waren die Tore fast immer weit geöffnet. Der friedliche Warenaustausch beförderte menschliche Ansiedlungen. Sogar Städte entstanden in der Grenzregion.
Xanten war ursprünglich nur ein Heerlager, das als Operationsbasis für Feldzüge gegen das rechtsrheinische Germanien diente. Vielleicht schon Varus, sicher aber Germanikus machten hier Station. Später wurde Xanten eine große Stadt, fast mit Köln vergleichbar. Heute ist vieles von den alten römischen Anlagen ausgegraben und z.T. aufwändig rekonstuiert worden. Ich kann mir keinen Besucher vorstellen, der nicht Ehrfurcht empfindet vor den großen Leistungen der alten Römer.
Am Ende des 3. Jahrhunderts wurde alles von fränkischen Kriegern zerstört. Im 4. Jahrhundert baute man nebenan eine neue Stadt auf, nun schon mit einer christlichen Kirche. So sehr sich unsere Vorfahren auch bemühten, Altes zu zertrümmern, die gewaltigen Ruinenreste ragten noch jahrhundertelang empor. Da ist es vorstellbar, dass man nach einiger Zeit gar nicht mehr wusste, was diese Relikte aus einer untergegangenen Zeit einmal waren. Vielleicht war das mal der Palast eines mächtigen (germanischen) Königs? , könnte man gemutmaßt haben.
Wie schon erwähnt, die Germanen hatten noch keine Schriftsprache. Ihre denkwürdigen Geschehnisse bewahrten sie in Heldenliedern auf. Versteht sich, dass so geradezu zwangsläufig viele fantastische Ausschmückungen, auch regionale und temporäre Sichten den Inhalt immer wieder veränderten und erweiterten.
Das Nibelungenlied mit dem Siegfried aus Xanten ist so eine alte Heldensage. Wir kennen es am besten in der im Jahre 1200 niedergeschriebenen Version. Andere Versionen finden wir in den Opern Wagners oder in der isländischen Saga Edda. Immer aber wird der Held Siegfried besungen. Da muss es doch wohl in altgermanischer Zeit eine Ursprungsgeschichte und ein Ursprungsgeschehen gegeben haben!
Schon zur Goethezeit gab es nun Germanisten, die eine kühne Frage stellten: Könnte der germanische Name des Arminius Siegfried gewesen sein? Viel ist seitdem darüber geschrieben und gestritten, nie ist die Frage ganz verworfen worden.
Natürlich gab es keinen Germanenkönig in Xanten, es gab nur diese Riesenruinen. Arminius stammt aus der Gegend um Hameln und war nie König. Aber sein Vater hieß Sigimer, das wissen wir. Wir wissen auch, dass germanische Sippen darauf achteten, dass bei der Namensgebung ein gemeinsamer Wortstamm erhalten blieb. So hatte man eine ganz individuelle Lautfolge, die auf die Sippenzugehörigkeit hinwies. Sigimer könnte also seinen Sohn durchaus Siegfried genannt haben.
Es gibt viele Parallelen zwischen der geschichtlichen und der sagenhaften Gestalt. Beide sind von Verwandten (von der Familie der Ehefrau) umgebracht worden. Beide haben den Gegensatz selbst verursacht: Bei Arminius war es die gekränkte Ehre des beraubten Schwiegervaters, die nach Rache schrie, bei Siegfried war es eine zu wenig bedachte Tat, die den anderen die Ehre raubte. Siegfried war stark, tapfer und listenreich. So konnte er den sagenhaften Drachen töten. Drachen finden wir schon in Alten Testatament und in unzähligen Mythen vieler Länder als Symbol für übermächtige Gegner. Arminius hatte die Römer aus dem Hinterhalt angegriffen, sie sahen ihn vorher nicht. Siegfried hatte eine Tarnkappe ...
Viel ist auf diesem Gebiet spekuliert, viel ist darüber geschrieben worden. Manches davon habe ich gelesen; die Autoren haben mich überzeugt: Der Siegfried aus unserem Nibelungenlied und der Arminius aus unserer Frühgeschichte können durchaus in einem wissenschaftlich begründeten Zusammenhang gesehen werden.

In Xanten sind viele Menschen mit den Römern und mit den Nibelungen beschäftigt. Eine Vielzahl von Veranstaltungen lockt ständig interessierte Menschen an. Das ist gut so. Diese Menschen aus nah und fern werden bereichert.
In meiner nächsten, der vorletzten Folge, muss ich über Versuche berichten, geschichtliche Ereignisse zu missbrauchen, um Menschen zu verarmen.

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Verden, die geschichtsträchtige Stadt

Was will einer, der sich mit "Germanensieg und die Folgen" beschäftigt, in einem Ort, der sich in Prospekten "Reiterstadt" nennt? Ich habe da etwas gelesen über die altehrwürdige Stadt, über verworrene Geschehnisse in mittelalterlicher und in neuerer Zeit, und mir scheint, das passt in meine Spurensuche.
Es hat zunächst einmal mit Karl dem Großen zu tun. Der kam aus dem germanischen Stamm der Franken, lebte im 8. Jahrhundert und nannte ein riesiges Königreich sein Eigen. Natürlich führte er auch Kriege. Der blutige Konflikt mit dem gleichfalls germanischen Stamm der Sachsen im Gebiet des heutigen Niedersachsen ist sehr bekannt geworden. Karl hatte viel Mühe, diese Gegner niederzuwerfen. Im Jahre 782 sollen angeblich in Verden 4500 Sachsen auf Karls Befehl an einem Tag hingerichtet worden sein. (Ein endgültiger Beweis für diese blutige Orgie ist nie gelungen.) Fest steht aber, dass Karl der Große nach dem Sieg über die Sachsen noch mächtiger geworden ist und im Jahre 800 in Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt wurde. (Das römische Kaiserreich war ja längst untergegangen.)
Über Karl kann man auch manches Gute sagen. So hat er z.B. alte germanische Liedertexte gesammelt, obwohl er ja selbst Christ war und mit Gewalt die eroberten Gebiete christianisierte. Sein Sohn übertraf ihn offenbar noch im Glaubenseifer; er wurde deshalb "Ludwig der Fromme" genannt. Der hat die Liedersammlung seines Vaters vernichtet, weil sie ja heidnischen Ursprungs war.

Jetzt muss ich in meinen Anmerkungen einen großen Zeitsprung machen. Als die deutschen Faschisten an die Macht kamen, wurde ein Germanenkult inszeniert, der alles bisher Dagewesene übertraf. Man könnte nun vermuten, dass Arminius / Hermann eine noch größere Verehrung erfuhr. Das war nicht so. Für Hitler waren Freiheitskämpfer Verbrecher. Der war römischer Offizier, der hatte dem Varus blind zu gehorchen!
Für die Propaganda gab es nun ein Problem. In Detmold stand das Riesendenkmal eines Germanen, der kein Held mehr sein durfte! Man suchte nach einer Lösung und fand sie. Die Sachsen hatten einen Anführer mit Namen Widukind. Der schien den Ideologen des dritten Reiches geeignet, Arminius abzulösen. Karl der Große wurde zum "Sachsenschlächter" erklärt.
Nun galt es, ein gigantisches Denkmal für Widukind in Verden zu errichten. Die Wege zum Denkmal sollten mit 4500 gewaltigen Findlingen gesäumt werden, für jeden der hingerichteten Sachsen einen. Da auch Himmler, der "Reichsführer SS", zu den Leitern der Aktion gehörte, schleppten die Bauern in weitem Umkreis mit angstvollem Gehorsam die Steine heran. Sie stehen heute noch da, nur das Denkmal ist nie gebaut worden. Der dafür vorgesehene Platz ist heute eine Viehweide. Hitler hatte nämlich im Hinblick auf den geplanten Krieg sich auf dem Reichsparteitag in Nürnberg plötzlich zum legitimen Nachfolger Karls des Großen, des Herrschers über ein europäisches Riesenreich, erklärt. Die Hinrichtung von 4500 Sachsen wurde nun zum "notwendigen harten Durchgreifen".
Damit war die begonnene Anlage ein Ort, der öffentlich nicht mehr genannt wurde. Es gab zwar dort eine große SS-Schulungsstätte, aber über die Steine konnte gar nicht genug Gras wachsen.
In der Nachkriegszeit waren die Findlingswege immer noch da. Was sollte man mit ihnen machen? Ich habe mich davon überzeugt, dass man eine sehr gute Lösung gefunden hat. Zunächst einmal wird dafür keine Werbung gemacht. Es gibt viele schöne Sehenswürdigkeiten in Verden, die empfohlen werden, der "Sachsenhain" wird nur ganz am Rande erwähnt; die Hinweise sind für Leute, die genügend Vorwissen mitbringen und selbständig dort hinfinden.
Die Anlage ist zu einer Jugendbegegnungsstätte der evangelischen Landeskirche ausgebaut worden.Auch wenn man heute an den Steinen vorbeigeht, kann man sich der ganz eigenartigen Wirkung kaum entziehen. Aber man liest jetzt einige kurze Inschriften, die eingemeißelt wurden. Da steht "UNSERE SCHULD ", und ich ergänze aus dem "Vaterunser": "... vergib uns unsere Schuld ....". Wie gesagt, dieser Weg ist für Wissende und Denkende.
Ich treffe eine Gruppe, die schweigend mitten zwischen den Steinen steht. Neugierig bleibe ich auch stehen und erfahre nach einiger Zeit, dass hier eine Vogelstimmen-Exkursion unterwegs ist. Still und abgelegen ist dieser Ort. Viele Singvögel beleben ihn.
Da, wo ehemals SS-Leute eine verlogene Ideologie verinnerlichen sollten, ist eine gläserne Kapelle errichtet, die mich in ihrer schlichten Schönheit beeindruckt hat.
In einem der gastlich ausgestatteten Häuser fragte ich einen dort tätigen jungen Mann nach eventuellen Schatten der Vergangenheit. Seine Antwort: "Jaja, das haben schon viele gefragt ... kein Problem! Hier treffen sich viele von überall her und verstehen sich. Sind ja Christen! Da kommt keiner gegen an!"
Schön, wie man auf einfache Weise viel sagen kann.
Meine letzte Etappe wird Bergen-Belsen sein. Mein Text wird dennoch optimistisch enden.

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"Hier treffen sich viele von überall her und verstehen sich. Sind ja Christen!"

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Gedenkstätte Bergen-Belsen

Ich bin schon fast auf dem Heimweg, die Gedenkstätte Bergen-Belsen liegt auf meiner Strecke. Das wenige, was ich von diesem ehemaligen KZ weiß, ist schwergewichtig. Da ist Anne Frank umgekommen, dieses kluge, einfühlsame Mädchen, das mit seinem Tagebuch in der ganzen Welt bekannt geworden ist. In Frankfurt am Main geboren, als deutsches Kind von Deutschen mit dem Tode bedroht, weil die Eltern jüdischen Glaubens waren, mit der Familie nach Amsterdam geflohen, dort im Verborgenen gelebt, schließlich doch entdeckt und ins KZ geschleppt, dort im März 1945 mit noch nicht einmal 16 Jahren gestorben.
Als ich ankomme, fällt mir auf, dass es in dieser Gegend einen riesigen Truppenübungsplatz der NATO gibt. Kasernen, Fahrzeugparks, Lagerhallen, in denen wohl auch gefährliche Waffen deponiert sind; ich sehe viel Stacheldraht und elektronische Sicherung.
Der Eingang zur Gedenkstätte ist großzügig angelegt. Im Foyer sammeln sich Bundeswehrsoldaten zum Einführungsvortrag. Ich frage den Kompaniechef, ob ich dabei sein kann -  ich kann.
Manche Fakten habe ich ähnlich schon in anderen Gedenkstätten gehört: ... Kriegsgefangenenlager, 50 000 Tote. Anderes ist nur hier geschehen. Es wurde ein Sammellager für Tausende Juden errichtet, die gegen im Ausland internierte Deutsche ausgetauscht werden sollten. Der Handel kam nicht zustande, so sind weitere 50 000 gestorben. Bei der Befreiung durch britische Truppen wurden noch 60 000 Lebende angetroffen.
Der Vortrag dauert lange. Das ist mir recht, deshalb bin ich ja unterwegs, ich will viel hören. Ich sehe in die Gesichter der Soldaten. Wollen die auch ...? Nach einer Stunde, stehend an einem Modell, an Karten und Bildern, geht es ins ehemalige Lager. Ich spreche den Kompaniechef an :"Habe früher Jugendliche unterrichtet, nicht viel jünger als Ihre Leute. Nach so einer Stunde, auf einem Fleck stehend, wäre manch einer am Zusammenbrechen gewesen und nicht mehr aufnahmefähig ..." Er grinst: "Ich hab sie ja schon ein paar Monate!"

Wir sind an der "Rampe", da steht noch ein Eisenbahnwagen für die damaligen Menschentransporte. Der Leiter der Führung fordert uns auf einzusteigen. Es wird eng, der Leiter schließt die Schiebetür, es wird dunkel. Schlagartig herrscht eisiges Schweigen. Wir wissen nicht, wie lange wir da stehen sollen. Nach wenigen Minuten treten wir taumelnd wieder ins Freie. Gedankenaustausch: Keiner, der nicht Angst verspürt hat.
Wir gehen durch das weitläufige Gelände und kommen an großen rechteckigen, bewachsenen mannshohen Hügeln vorbei: Massengräber! Viele Gebäude sind nur noch an Grundmauern zu erahnen, weitere Erklärungen sind nötig. Ich bin nun doch mal wieder körperlich ziemlich angeschlagen und ärgere mich ein wenig über meine schwache Kondition. Dann sehe ich, dass die jungen Kerle mittlerweile auch ihre Probleme haben. Das tröstet!
Ich spreche mit dem Leiter. Er weiß wie ich, dass auf einem Nebengleis des Berliner S-Bahnhofs Wannsee auch eine Rampengedenkstätte ist. Da stand auch einmal solch ein Eisenbahnwagen. Er machte besonders deutlich, dass Menschenmassen vor den Augen ihrer Mitmenschen abtransportiert worden sind. Das Gelände in Berlin ist leichter zugänglich als das in Bergen-Belsen ...
Zum Abschluss der Führung suche ich auch noch einmal das Gespräch mit dem Offizier und lobe seine Leute. Doch der schwächt ab, ich soll nicht vorschnell urteilen, er musste einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Andere Kompanien hatten weniger überzeugende Vorgesetzte. "Und wenn die Jungs nicht wollen ... so ein Besuch ist innerhalb der organisierten Freizeit!" Nachdenklich sehe ich ihn an. Ich kenne das Problem auch aus meinem ehemaligen Beruf. "Demokratie in der Truppe heißt für mich als Offizier, dass ich nicht zulasse, dass die Dümmsten und Bequemsten das Sagen haben!" Der Mann war sehr erregt, als er das sagte.
Mir geht durch den Kopf: Es gibt auch noch Klassenlehrer, die so denken!

Ein paar Minuten Zeit hatten wir noch, bevor es per Bus in die Kaserne ging. Ich wollte etwas von meinen Erlebnissen berichten. Sein Interesse war begrenzt, er war mit seinen Gedanken schon bei der nächsten dienstlichen Aufgabe. "Wir sind zum Schießen hier. Soldaten aus halb Europa, da machste was mit!"

Ich trat nun endgültig die Heimfahrt an. "Soldaten aus halb Europa ..."
Jugendliche aus Israel, Polen, Russland, den Niederlanden, der Slowakei und aus Deutschland arbeiten in ihren Ferien seit 1993 in regelmäßig stattfindenden Workcamps in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Vertreter weiterer Nationen sind in anderen deutschen Gedenkstätten ähnlich tätig. Das habe ich heute gehört ... auch eine Art Pilgerschaft!

"Wir müssen fähig und bereit sein, Geschichte in ihrer Gesamtheit zu akzeptieren. Insbesondere die uns berührende ... die zu unserem heutigen Leben geführt hat".
"Deutschland hat wie kaum je ein anderes Land dem Nationalismus abgeschworen!"
Habe ich die Sätze richtig behalten? Wo habe ich das gelesen? Ich habe in den 10 Tagen so viele Faltblätter, Boschüren und Wandtafeln gelesen, jetzt brauche ich eine Erholungspause.

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Ich müsste das aufschreiben, was ich erlebt habe! Der Gedanke kam kurz bevor ich meinen Heimatort Rathenow erreicht hatte.
Ob mir das gelingt, mit ein paar Texten diesem Thema gerecht zu werden?

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Biografie von Manfred Lenz

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 27. Januar 2011 06:59


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Manfred Lenz wurde am 08.11.1947 in Großräschen-Süd (Land Brandenburg) geboren. Nach dem Abitur mit Berufsausbildung zum Elektromonteur an der Erweiterten Oberschule "Walther Rathenau" in Senftenberg studierte er Elektrotechnik in Senftenberg und Leistungselektronik an der Technischen Universität in Dresden. Nach Abschluss des Studiums war er in der Märkischen Faser AG in Premnitz tätig. Von 1991 - 1999 war er Sachgebietsleiter im Amt für Wirtschaftsförderung des Landkreises Havelland. 1990 trat er in die SPD ein und war von 1991 - 2004 Ortsvereinsvorsitzender in Rathenow. Seit 1993 ist er Fraktionsvorsitzender der SPD der Stadtverordnetenversammlung in Rathenow. 1999 wurde er in den Brandenburgischen Landtag gewählt und bekleidete diese Funktion bis 2004. Seit 2005 ist er als Teamleiter im Integrations- und Leistungszentrum Rathenow beschäftigt. Er ist Berater des Technischen Hilfswerkes (THW), nachdem er lange Jahre dessen Vorsitzender war und das THW in Rathenow aufgebaut hatte. Seit 01.05.2001 ist er Mitglied des Förderkreises zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche in Rathenow e.V.  Er ist mit Gabriele Lenz verheiratet und hat eine Tochter.

© Copyright : Dr. Heinz-Walter Knackmuß

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Biografien

Biografie von Gabriele Lenz

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 27. Januar 2011 06:44


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Biografie von Gabriele Lenz English Gabriele Lenz, geborene Schreiber, wurde am 31.05.1948 in Aschersleben geboren. Nach dem Abitur mit Berufsausbildung zur Feinmechanikerin an der Erweiterten Oberschule "Karl Marx" in Rathenow studierte sie Germanistik und Slawistik an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald, wechselte aber bald in ein technisches Studium (Maschinenbau) in Senftenberg. Nach dem Studium war sie seit 1971 als Konstrukteuerin für Stahlbau in der späteren Märkischen Faser AG in Premnitz tätig. Seit 1990 arbeitet sie als Sachgebietsleiterin im Ordnungs- und Verkehrsamt des Landkreises Rathenow/Havelland. 1990 trat sie in die SPD ein und war die erste Stadtverordentenvorsitzende in Rathenow nach 1990. Daneben leitete sie den Ausschuss für Soziales der Stadt Rathenow. Seit 1991 war sie 1. Stellvertreterin des Vereins "Kinder von Tschernobyl" und ab 2000 deren Vorsitzende. Sie ist Mitglied der "Verkehrswacht Havelland" und seit dem 4.12.1997 Mitglied im Förderkreis zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche inRathenow e.V. Sie lebt seit 1963 in Rathenow und ist mit Manfred Lenz verheiratet. Sie hat eine Tochter.
© Copyright : Dr. Heinz-Walter Knackmuß

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Biografien

Zum Gedenken

von Dr. Heinz-Walter Knackmuß 25. Januar 2011 21:47


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Med.-Rat Dr. med. Heinz Schaefer war ein großer  Förderer des Wiederaufbaus der Sankt-Marien-Andreas-Kirche in Rathenow. Kurz vor  der Vollendung seines 91. Lebensjahrs erlöste ihn  Gott der Herr  am 29.12.2010 von den Beschwerden des Alters. Seine Frau Erna und die Familie haben bei seiner Beisetzung am 12.01.2011 im Sinne des Verstorbenen um eine Spende für den Wiederaufbau der Orgel der Sankt-Marien-Andreas-Kirche gebeten. Dabei kamen 870,00 € zusammen. Der Förderkreis bedankt sich bei der Familie Schaefer.

Dr. Heinz-Walter Knackmuß

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