Vortrag im Torhaus von Rathenow
2008
Pfarrer Heinrich Meyer wurde am 06. Mai 1936 als Sohn des kaufmännischen Angestellten Karl Hermann Heinrich Meyer und seiner Ehefrau Gertrud Katharina Meyer, geborene Meyer in Rathenow geboren. Da war die auf dem alten von der Havel umflossenen Burgberg in Rathenow gelegenen Sankt-Marien-Andreas-Kirche, ein gotischer Backsteinbau mit seinem ursprünglich 75 m hohen Turm, seine Taufkirche. Er wurde als zweites Kind geboren und wuchs mit vier Schwestern auf. Von 1942 -1945 besuchte er zuerst die Bauschule in der Baustraße, ab dem 2. Schuljahr die Neustädter Schule in der Schleusenstraße. Unvergessen sind ihm die Kindergottesdienste, die während des Krieges wegen der ständig zu befürchtenden Tieffliegerangriffe in die vom Wald versteckte Friedhofskapelle auf dem Weinberg verlegt worden waren. Neben der Sankt-Marien-Andreas-Kirche gab es noch die in den 30iger Jahren entstandene Lutherkirche. In der Lutherkirche wurden jährlich in der Adventszeit unter großem technischen Aufwand an Kostümen und Bühnenbeleuchtung Weihnachtsspiele aufgeführt. Szenen aus diesen Krippenspielen blieben dem jungen Heinrich bis ins hohe Alter plastisch vor Augen.
Krippenspiel in der Lutherkirche
Im April 1945 machte sich die Mutter mit den fünf Kindern auf den Weg in den Westen. Die Familie wurde vom endlos dahin ziehenden Flüchtlingstreck mitgewirbelt durch Hunger und Angst, Beraubung und mancherlei enttäuschtes Vertrauen, das die Flüchtlinge in Menschen gesetzt hatten. Doch Gott hat die Familie Meyer ein anderes Vertrauen gelehrt: Sein für sie Sorgen, seine bergende Nähe, sein Mit-ihnen-Gehen durften sie immer wieder neu und auf wunderbare Weise erfahren. So lernten sie den von Ihm geschickten Menschen wieder zu vertrauen, und im Nachhinein wussten sie, dass manch ein Engel in Menschengestalt sie auf ihren Wegen geleitete. Und noch eines lernte die Familie. Nicht immer führt der kürzeste und geradeste Weg zum Ziel. Oft erwies sich gerade der Umweg als einzig richtiger Weg, und da war dann zur rechten Zeit für alles gesorgt. Die Familie gelangte auf ihrem Fluchtweg bei etwa 240 km Fußmarsch auf dem Umweg über Rheda bei Bielefeld in Westfalen nach Achim bei Wolfenbüttel. Heinrich Meyer besuchte von 1945 – 1950 die Volksschule in Achim und die Große Schule in Wolfenbüttel. Die kleine Achimer Dorfkirche bescherte der Familie in den fünf Jahren ihres Dortseins immer wieder höchst eindrückliche Weihnachtsgottesdienste, bei denen sie manchmal vor Kälte bibberten. Die Fußzehen arbeiteten ständig in den Holzpantinen, um nicht zu erstarren. Wenn dann aber der Chor in der zum Bersten gefüllten Kirche unter Herrn Schraders Leitung den Choral „ Brich an du schönes Morgenlicht“ anstimmte und zum Schluss der hochmusikalische Pastor Wandersleb zur Orgelbank hinaufstürmte, um mit vollen Registern beim stehend gesungenen Weihnachtschoral „ O du fröhliche“ alle Kräfte des Himmels in den engen Kirchenraum herabzuziehen versuchte, dann wurden alle Herzen warm; da sprangen die Funken über, die Funken des Heiligen Geistes sprangen in die Herzen der Menschen und auch der junge Heinrich ahnte, dass er bei aller äußerlichen Entbehrung, allem äußeren Mangel viel tiefgreifender gerettet und geborgen war, als ihm dies in den Notlagen des harten Alltags oft bewusst gewesen. Die Achimer Kirche sah ihn noch als Vorkonfirmanden in der ersten Bank unter dem dreigliedrigen Aaronitischen Segen seine Verbeugung machen. (Aaronitischer Segen: 1. Der HERR segne dich und behüte dich! 2. Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig! 3. Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden!) - In der St. Marien Kirche zu Wolfenbüttel und der dortigen Trinitatiskirche erlebte er in den späten 40iger Jahren einige unvergessliche und höchst beeindruckende Reformations-Gottesdienste. Im Jahr 1950 trat die behäbige, aus Feldsteinen erbaute gotische St. Vinzenzkirche in seinen jugendlichen Lebenskreis. Es war die Stadtkirche der Salzstadt Schöningen am Elm, wo er durch Probst Hobohm konfirmiert wurde. Sein Konfirmationsspruch lautete: Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, denn durch mich ( Johannes 14,6). In Schöningen, Kreis Helmstedt, besuchte er von 1950 -1951 die Knabenvolksschule und schloss die Schule mit der 8. Klasse ab. Von 1951 -1954 absolvierte Heinrich Meyer eine Bäckerlehre in Schöningen und besuchte die Kreisberufsschule in Helmstedt. 1954 erhielt er den Gesellenbrief und begann eine Gesellen – und Wanderzeit, die bis 1957 nach Osterode/Südharz, nach Baden-Baden und bis Füssen im Allgäu führte. Hatten in Schöningen Laien- und Verkündigungsspiele, ein von ihm mit einem Freund zusammen gegründeter Posaunenchor und die von der Jungmannschaft gestalteten Wochenschlussandachten den Kirchenraum mit Leben erfüllt, so lernte er 1954 in der Schlosskirche in Osterode im Harz einen geisterfüllten Prediger kennen, der durch seine Predigten fesseln und begeistern konnte. Sonntäglich bestieg er als Turmbläser den Turm der dortigen Marktkirche und erfreute die Menschen mit seiner Musik. Die Gesellenwanderzeit führte ihn weiter nach Baden-Baden in den Schoß des dortigen CVJM (Christlichen Verein junger Männer) und in die Mitarbeit in der dortigen evangelischen Stadtkirche, eine vierwöchige Wanderung schließlich nach Füssen im Allgäu, wo er selbstständig Jungschar- und Jugendarbeit betrieb und der Wunsch entstand, Theologie zu studieren.
So führte ihn sein Weg 1957 folgerichtig nach Frankfurt am Main zurück in den Kreis seiner Familie, wo er mit der Umschulung zum Pfarrer begann. 1957 – 1958 besuchte er den Auslesekurs am Goethe-Gymnasium, dem sich der dreijährige Hauptkursus von 1958 -1961 am Abendgymnasium für Berufstätige im Goethe-Gymnasium mit dem abschließenden Abitur anschloss. Während der ersten beiden Jahre musste eine Halbtagsbeschäftigung nachgewiesen werden. In dieser Zeit arbeitete Heinrich Meyer bei Neckermann im Katalogversand, in der Lagerverwaltung der Hessischen Gummiwarenfabrik „Peter“ und in der optischen Großhandlung „ASRA“. In der Frankfurter Matthäuskirche war er beeindruckt von dem kollegial-brüderlichen Zusammenwirken der äußerlich und wesensmäßig so verschiedenen Pfarrer Seesemann und Zeiss bei ihren monatlichen Dialogpredigten. Als Heinrich Meyer am Abendgymnasium die Reifeprüfung abgelegt hatte, studierte er von 1961 -1962 am Reformierten Sprachenkonvikt Frankfurt am Main als Externer und gleichzeitig immatrikulierter Student an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main evangelische Theologie und schloss 1962 die Studien mit dem Graecum (Griechisch), dem Hebraicum (Hebräisch) und dem Biblicum (Bibelkunde) erfolgreich ab. Nebenher wurden Vorlesungen in Philosophie, Pädagogik und Kirchengeschichte belegt.
In dieser Zeit wurde Heinrich Meyer besonders durch die als Notkirche ausgebaute Ruine der Christuskirche auf dem Beethovenplatz und die Alte St. Nikolaikirche auf dem Römerberg geprägt, wo er die Predigten von Pfarrer Trepte und Probst Göbels hörte und im Kindergottesdienst und in der Jugendarbeit mitwirkte.
Von 1962 - 1963 studierte er in Mainz, von 1963 - 1964 in Tübingen und 1964 - 1965 in Göttingen evangelische Theologie. Zur Examensvorbereitung nahm Heinrich Meyer im Wintersemester 1965/66 ein Freisemester, das er bei seinen inzwischen nach Schötmar bei Salzuflen umgezogenen Eltern erlebte. Während des Freisemesters hatte er engen Kontakt zur Christuskirche in Bad Salzuflen, wo er am Passionssonntag Judika 1966 erstmals im Gottesdienst die Predigt halten durfte. Pastor Krohn-Grimberghe sagte ihm nach dem Gottesdienst: „ Da haben Sie uns eine sehr ernste, zum Nachdenken bewegende Predigt gehalten.“ - Auch zur Erlöserkirche in Bad Salzuflen mit ihrem Prediger Pastor Schendel pflegte er während der Examensvorbereitung eine prägende Beziehung. Kurz vor Weihnachten 1966 - zum so genannten „ Pfefferkuchentermin“ - erfolgte das Erste Theologische Examen in Darmstadt.
Im Frühjahr 1967 folgte das Schulpraktikum bei Lehrer Demmer an der Mittelpunktschule in Laubach (Wetterau). Ab Mai 1967 begann das so genannte „ Rollkursseminar II“ im Pendelverfahren zwischen theoretischer Ausbildung im Friedberger Prediger-Seminar und die praktische Ausbildung in der Praktikumsgemeinde Frohnhausen bei Dillenburg.
In Frohnhausen wurde Heinrich Meyer 1967 – 1968 von seinem Mentor und Lehrpfarrer Friedrich Hickel für den Pfarrdienst ausgebildet und vorbereitet. 1968 legte er das Zweite Theologische Examen vor dem landeskirchlichen Prüfungsausschuss in Darmstadt ab und wurde ab 01. November 1968 Pfarrvikar in Oberau (Dekanat Büdingen) mit 300 Gemeindegliedern mit dem Filial in Rommelhausen mit 1000 Gemeindegliedern.

Am 15.12.1968 (3. Advent) wurde Pfarrer Heinrich Meyer von Propst Horst Schubring aus Gießen gemeinsam mit Pfarrer Hickel, Dekan Metz aus Altenstadt, Kirchenvorsteherin Mina Pöttgens aus Rommelhausen und Kirchenvorsteher Helmut Wenzel aus Oberau in der Oberauer Kirche für seinen Pfarrdienst ordiniert.

Pfarrer Heinrich Meyer mit seiner Frau Gretelotte
1997
In Frohnhausen hatte er seine Braut Gretelotte Guth kennengelernt, die er am 17. Januar 1969 heiratete. Pfarrer Hickel gab dem Paar in der kirchlichen Trauung am 18. Januar 1969 den Trauspruch aus Phil.4,4: „ Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen, der Herr ist nahe!“
Nach der Trauung wurde im Gemeindesaal in Frohnhausen gefeiert und die Hochzeitsreise führte direkt nach Oberau, wo jede Menge Arbeit auf das frisch vermählte Paar wartete. Das Pfarrhaus musste innen und außen renoviert werden. Die falsch eingebaute Kirchenheizung bewirkte ein Orgelsterben, und erst in den 80iger Jahren wurde der angerichtete Schaden behoben. Das Pfarrerehepaar Meyer war nun 12 Jahre lang in Oberau, Rommelhausen und in der Waldsiedlung vielseitig tätig. Er hatte während zweier Vakanzen als Spezialvikar auch den gesamten Pfarrdienst für die Nachbarpfarrei in Höchst (Nidder) zu leisten und bekleidete ab 1969 zusätzlich noch das Amt des Jugendpfarrers im Evangelischen Dekanat Büdingen. Seine Frau Gretelotte unterstützte ihn bei der Frauen- und Kinderarbeit, in der Diakonie und Seelsorge. Auch bei dern Kindergottesdiensten und in den verschieden Freizeiten war sie ihm eine wesentliche Hilfe. Sie hat Lektorengottesdienste gehalten und Bereichsdienste durchgeführt und ihn in der Partnerschaftsarbeit begleitet.
Am 24. Juni 1970 wurde dem Ehepaar Meyer von Gott der Sohn Matthias Hermann geschenkt.
Am 01. August 1971 erfolgte die Ernennung von Heinrich Meyer zum Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau auf Lebenszeit.
Dem Ehepaar Meyer wurde am 01. Januar 1976 der Sohn Christoph Friedrich Johannes durch Gottes Güte geschenkt.
Neben den vielen Aufgaben als Pfarrer in der Gemeinde gab es auch reichlich Arbeit an den Pfarrgehöften und Pfarrgärten mit Umbauten, Renovierungen und endlose Grundstücksverhandlungen in Rommelhausen zur Errichtung eines höchst notwendigen Gemeindehauses. -
Am 01. August 1980 nahm Pfarrer Heinrich Meyer die Tätigkeit in seiner zweiten Pfarrstelle in Lauterbach (Oberhessen) auf, wo er am 10. August 1980 von Propst Helmut Grün aus Gießen in seinen Pfarrdienst und in die Gemeinde eingeführt wurde.
Stadtkirche in Lauterbach
21 Jahre wirkte er hier als Pfarrer im Paulusbezirk mit zahlreichen pfarramtlichen Diensten in Verkündigung, Unterricht und Seelsorge. Neben den Gemeindekreisen, den Aufgaben im Altenheim und Krankenhaus wurden zahlreiche Familien- und Gemeindefreizeiten bis hin nach Kärnten und Südtirol durchgeführt.
Pfarrer Heinrich Meyer
bei einer Wanderung am Matterhorn
1984
Die Gemeinde unterhielt eine Partnerschaft zu Bad Liebenwerda im heutigen südlichen Brandenburg mit Zugehörigkeit zur Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands in Sachsen-Anhalt (Bischofssitz: Magdeburg).
Weiterhin nahm Pfarrer Heinrich Meyer Kontakte seiner Kirche zur Südindischen Partnerkirche in der Diözese Krishna Godavari und zur United Methodist Church of America (UMC) wahr.
Nicht vergessen sein soll auch die Bläserarbeit, wo er sich in seinen drei Oberhessischen Gemeinden mit Gründungen von drei Posaunenchören eingebracht hat. –
10 Jahre Posaunenchor - 1990
Dem 10jähriger Heinrich Meyer fiel einst ein kleines Büchlein von Ottilie Wildermuth in die Hände mit dem Titel: „Heb auf, was Gott dir vor die Türe legt!“ - Es ging dabei um ein Findelkind, das bei fremden Menschen Heimat und Geborgenheit fand. Dieses Buch hat ihn als Flüchtlingskind besonders berüht - der Titel wurde für ihn zu einem Lebensmotto.
Daneben wurde ihm ein anders Wort von Gerhard Tersteegen wichtig: „Denkt nicht voraus und sehet nicht zurück! Beides bringt Unruh. Der gegenwärtige Augenblick muss eure Wohnung werden; darin findet man allein Gott und seinen Willen.“ -
Zu seinem 25jährigen Dienst- und Ordinations-Jubiläum wurde am 12. Dezember 1993 ein schönes Fest in Lauterbach gefeiert, wo Pfarrer Heinrich Meyer ganz herzlich auch seiner Frau Gretelotte Dank sagte für die Weisheit und den Rat und die Tatkraft, womit sie ihn bei seiner Arbeit unterstützt und in schweren Zeiten hindurch getragen habe. Seine Festrede schloss er mit einem Vers aus Psalm 92: „ Es ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken und lobsingen deinem Namen, Du Höchster, des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit zu verkündigen.“ -
Am 31. Mai 2001 beendete er seinen Dienst in Lauterbach und wurde am 01. Juni 2001 in den Ruhestand versetzt.
Dienst- und Ordinationsjubiläum von Pfarrer Heinrich Meyer
10.12.1993
Pfarrer Heinrich Meyer mit seiner Frau Gretelotte und den Söhnen
Matthias (links) und Christoph (rechts)
Am 22. Juni 2008 trat er dem Förderkreis zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche in Rathenow e.V. bei. Er malt und dichtet und hält Vorträge. Seine Gedichtinterpretationen sind bei Jung und Alt gefragt. Er unterrichtet im kaiserlichen Klassenzimmer und organisiert Museumsfahrten, denn die Geschichte ist ein weiteres Steckenpferd des Pfarrers im „Unruhestand.“ 2008 hat er seine Bilder sogar in Rathenow in einer Ausstellung präsentiert.

Weihnachten 2006
Pfarrer Heinrich Meyer und seine Frau Gretelotte
mit Kindern und Enkelkindern
Am 06.05.2011 feierte Pfarrer Heinrich Meyer seinen 75. Geburtstag. Viele Freunde und Gäste waren der Einladung in den Rokokosaal im Hohhaus-Museum gefolgt und feierten den Jubilar, denn er ist Präsident des Lauterbacher Museumsvereins. Suchet der Stadt Bestes – ist sein Motto und damit ist er unermütlich tätig als Maler und Zeichner, als Stadtführer im historischen Kostüm, als Musikfreund und als Initiator einer Laienspielgruppe.

Studiendirektor Gert Henkel überbrachte im Namen der Schulleitung des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums eine Urkunde des Kultusministerium und dankte dem Geburtstagskind für seine Tätigkeit als Religionslehrer.

Henrich Meyer – Tübinger Pfleghof (erbaut 1435)